In einem schwach beleuchteten Raum sitzen zwei ältere Männer, betrachten Fotos und erinnern sich an Erlebnisse, die damit verbunden sind. Das ist nicht außergewöhnlich, hat etwas Beschauliches. Doch die Bilder, die sie anschauen und gleichzeitig großformatig auf die Kino-Leinwand projiziert werden, sind alles andere als das: Die kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen scheinen direkt aus der Hölle zu kommen. Ein lichterloh brennendes Ölfeld ist zu sehen, eine Frau, die mit letzter Kraft ihr zum Skelett abgemagertes totes Kind in den Armen hält, hass- und angstverzerrte Gesichter von Menschen, die im Begriff sind, zu töten und getötet zu werden. Bilder aus dem Golfkrieg, aus der Sahel-Zone, aus Ruanda.

Sebastião Salgado fotografiert bei den Yali in Papua für sein Genesis-Projekt.
Foto: © Juliano Ribeiro Salgado / NFP

 

Einer der beiden Männer ist Sebastião Salgado. Er ist im Februar 70 Jahre alt geworden. Und seit ziemlich genau 40 Jahren ist der Brasilianer als Fotojournalist in der ganzen Welt unterwegs: Mehr als sein halbes Leben. Seine Reisen führten ihn zu den Schreckensorten dieser Erde, zu den Menschen am unteren Ende der Gesellschaft. Und die dort entstandenen monumentalen Bildserien haben ihn berühmt gemacht. Denn sie enthüllen mehr über Hunger, Krieg, Völkermord, Ausbeutung und ökonomisch oder politisch erzwungene Migration als so manche wortreiche Reportage. Der andere Mann ist Wim Wenders, der fast gleichaltrige deutsche Filmemacher. Zusammen mit Sebastiãos Sohn Juliano Ribeiro Salgado hat er diesen Dokumentarfilm über das Leben des Ausnahmefotografen gedreht – er ist zu einer Verneigung vor seinem Lebenswerk geraten.

 

Salgado spricht auch von seinem jüngsten Projekt. Genesis heißt es und zeigt den Planeten Erde in unberührtem, fast paradiesischem Zustand: Landschaften, Tiere, fast keine Menschen. Von dieser mörderischen Spezies habe er sich nämlich abgewandt, sagt er – insbesondere nach seinen Erlebnissen an den Stätten des Völkermords in Ruanda, im Jahr 1994. Denn seine Seele sei krank geworden angesichts dieser Massaker und der sich anschließenden Flüchtlingskatastrophe. Das einzige Gefühl, dessen er damals fähig gewesen sei: Dass „niemand, kein Mensch, es überhaupt verdient habe zu leben“. Man glaubt ihm – angesichts der Abbilder des Wahnsinns und des Grauens, die auf der Leinwand noch überwältigender wirken als in einem Bildband oder einer Galerie.

Wenders & Salgado im Gespräch.
Foto: © Donata Wenders

 

Danach, erzählt er, habe er erst einmal Bäume gepflanzt. In Brasilien. Dort, wo aus wirtschaftlicher Gier Wälder gerodet worden waren; dort, wo er Jahre zuvor Menschen fotografiert hatte, die wie Ameisen in einer Goldmine schuften – ebenfalls aus Gier. Und dabei sei die Genesis-Idee entstanden. Dafür ist er wieder um die Welt gereist, acht Jahre lang. Um festzustellen, dass es noch Hoffnung gebe, dass die Erde „zu 46 Prozent noch im unerschlossenen Stadium des Schöpfungsbuchs Genesis“ sei. Die Bilder beweisen es – und muten denn auch ziemlich biblisch an. Und Salgado selbst fast wie ein Mahner, wie ein Prophet: Während er spricht, spiegelt sich sein Gesicht in den gerade gezeigten Fotografien, und sein kahler Kopf ist so beleuchtet, dass er von innen zu leuchten scheint.

 

Die Bewunderung des Regisseurs Wenders für den Kamerakünstler Salgado ist unübersehbar. Sie kommt auch im Filmtitel zum Ausdruck: Salgado heißt salzig. Und dass Wenders ihn als einen der Menschen versteht, die die Welt gemäß des Auftrags aus der Bergpredigt als Salz der Erde vor dem Verderben bewahren, zeigt seine Hommage an den Fotografen: pathetisch, berührend, beeindruckend.

 

Text: Erika Weisser / Fotos: © Juliano Ribeiro Salgado / NFP; © Donata Wenders

 

Filmplakat – Das Salz der Erde
Das Salz der Erde
– Eine Reise Mit Sebastião Salgado
Frankreich 2014
Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado
Mit: Sebastião Salgado u. a.
Verleih: NFP
Laufzeit: 109 Minuten
Start: 30.10.2014