Opernchef Marc Clémeur über Zwangsfusion, junge Leute & Budgets

In diesem Jahr feierte die Straßburger Rheinoper („Opéra national du Rhin“) ihr 40-jähriges Bestehen. Generaldirektor Marc Clémeur (60) erzählt cultur.zeit-Autor Steve Przybilla, warum er trotz Euro-Krise optimistisch in die Zukunft blickt.

Für Marc Cleméur ist die „Zwangsfusion“ der beiden SWR-Sinfonieorchester ein negatives Beispiel für Kulturpolitik in der Krise.

 

 

chilli: Monsieur Clémeur, wie haben Sie den 40. Geburtstag Ihres Hauses erlebt?
Marc Clémeur: Ich habe das Jahr genutzt, um das Opernhaus nach außen zu öffnen. So hatten wir zum Beispiel ein großes Freiluftkonzert im Sommer, zu dem über 15.000 Zuschauer gekommen sind. Das war etwas ganz Besonderes, wobei man sagen muss, dass wir nicht den Geburtstag des Gebäudes feiern. Das stammt bereits aus dem 19. Jahrhundert. Wir feiern vielmehr den Städtebund, den es seit 1972 zwischen Strasbourg, Mulhouse und Colmar gibt – übrigens nach einem deutschen Modell. Die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg arbeitet schon länger nach diesem Prinzip.

chilli: Ein Prinzip, das funktioniert?
Clémeur: Wir haben in Mulhouse ein prächtiges Theater, in dem wir auch alle unsere großen Stücke spielen. Die Bühne in Mulhouse ist leider noch viel zu wenig bei den Deutschen bekannt. Aus Basel kommen weit mehr Besucher, was sicher auch an der örtlichen Nähe liegt.

chilli: In Straßburg haben Sie da mehr Erfolg. Konnten Sie den Anteil nicht-französischer Besucher halten? Vor einem Jahr lag der bei 21 Prozent …
Clémeur: Inzwischen sind es sogar 23 Prozent. Ich glaube, der Hauptgrund dafür sind nach wie vor die zweisprachigen Übertitel, die wir bei jeder Vorstellung zeigen – und natürlich die Qualität unserer Stücke. Auch den Anteil junger Leute unter 26 Jahren (30 Prozent, d. Red.) konnten wir halten.

Die opera national du rhin: Ein Mittel, die Kultur und damit die Sprache zu bewahren.

 

chilli: Dann können Sie sich die nächsten 40 Jahre ausruhen?
Clémeur: Aber nein. Wenn man ein Theater leitet, sollte man immer die Tendenzen der Zeit spüren. Es ist schon ein deutliches Zeichen einer Krise, wenn in den meisten europäischen Hauptstädten Generalstreiks ausgerufen werden. Ich glaube, dass wir als Oper versuchen sollten, den Menschen etwas Positives aufzuzeigen.

chilli: Spüren Sie die Euro-Krise beim eigenen Budget?
Clémeur: Zum Glück verharrt unser Jahresbudget bei 20,5 Millionen Euro. Natürlich ist das im Grunde auch eine Kürzung, wenn man die Inflation berücksichtigt. Trotzdem können wir zufrieden sein, dass unsere Subventionen in dieser schweren Krise zumindest nicht gekürzt werden.

chilli: Ist das ein Verdienst der neuen sozialistischen Regierung?
Clémeur: Ich würde es breiter fassen. Zwar gibt es immer auch negative Beispiele – zum Beispiel die Zwangsfusion der deutschen SWR-Sinfonieorchester –, aber generell gehen die Subventionen in Frankreich und Deutschland nicht schlagartig runter. Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass sich beide Länder als Kulturnationen begreifen. In Deutschland hat das mit dem Bildungsauftrag zu tun, während es in Frankreich eher andersherum ist: Viele Franzosen spüren, dass die Bedeutung unserer Sprache international an Bedeutung verliert. Da ist die Oper auch ein Mittel, die Kultur und damit die Sprache zu bewahren – und zwar nicht nur für die Elite, sondern für alle.

Info zum Programm: www.operanationaldurhin.eu

Text: Steve Przybilla / Fotos: Steve Przybilla, Oper Straßburg