Die Spielzeit 2013/14 der Straßburger Oper steuert auf ihr Finale zu. Direktor Marc Clémeur sprach mit cultur.zeit-Autor Steve Przybilla unter anderem über 103 Prozent Auslastung.

 

cultur.zeit: Monsieur Clémeur, nach welchen Kriterien suchen Sie eigentlich aus, was gespielt wird?

Marc Clémeur: Es gibt Leitlinien, nach denen ich mich richte, etwa, dass mindestens eine zeitgenössische Oper pro Spielzeit dabei sein muss. Oder dass wir eine unbekannte französische Oper aufnehmen. Für unsere Inszenierung von „Platée“ etwa hat uns der französische Kritikerverband 2010 fürs beste Bühnenelement ausgezeichnet. Darauf können wir schon ein wenig stolz sein. Ich suche in ganz Europa und auch in Amerika, wobei das Internet die Suche erleichtert. Manchmal geben wir auch Stücke in Auftrag oder bekommen welche angeboten, aber da muss ich meistens absagen.

 

cultur.zeit: Warum?

Clémeur: Weil es für ein großes Haus wie Straßburg nicht ausreicht, ein bisschen Kammermusik geschrieben zu haben. Wenn unerfahrene Autoren zu mir kommen, rate ich ihnen, sich erst einmal in kleinerer Form auszuprobieren. Wenn sie das machen, schaue ich es mir meistens auch an – hin und wieder ergibt sich danach eine Zusammenarbeit.

 

Marc Clemeur

Marc Clémeur: „Nicht bequem, aber günstig.“

 

cultur.zeit: Welches Stück liegt Ihnen besonders am Herzen?

Clémeur: Ich freue mich besonders auf die französische Erstaufführung von „Dr. Atomic“ im Mai – eine fantastische zeitgenössische Oper. Es geht um den Physiker Robert Oppenheimer, der bei der Entwicklung der Atombombe von Gewissensbissen geplagt wird. Die Musik spiegelt diesen inneren Konflikt eindrucksvoll wider.

 

cultur.zeit: Wie muss man sich das vorstellen?

Clémeur: „Dr. Atomic“ ist ein Beispiel der „Minimal Music“. Das ist eine sehr repetitive Musik, die von der Kraft der Wiederholung lebt und dadurch eine Art Überrealität schafft. Das kann man sich schwer vorstellen, ohne es gehört zu haben.

 

cultur.zeit: Die Spielzeit 2013/14 nähert sich dem Ende. Wie sieht das Finale aus?

Clémeur: Ein Highlight ist die Premiere von „Le Roi Arthus“ am 14. März, eine sogar fürs französische Publikum sehr seltene Oper. Das Stück ist so etwas wie die französische Fassung von „Tristan und Isolde“: Die Frau des Königs verliebt sich in einen jungen Ritter – und der König merkt’s. Die Inszenierung stammt von Keith Warner, der bereits in Bayreuth Lohengrin aufgeführt hat – und Tannhäuser bei uns im letzten Jahr.

 

cultur.zeit: Wie hat das Publikum auf die Spielzeit reagiert?

Clémeur: Die Besucherzahlen sind trotz der Krise konstant bei etwas über 100.000 geblieben. Der Anteil des deutschsprachigen Publikums blieb bei 23 Prozent stabil. Auf manche Stücke gibt es einen regelrechten Ansturm. Bei „Rigoletto“ hatten wir eine Auslastung von 103 Prozent.

 

cultur.zeit: Mussten die Leute auf der Treppe sitzen?

Clémeur (lacht): Nein, in den oberen Rängen gibt es zusätzliche Stehplätze, nicht besonders bequem, aber sehr günstig.

 

cultur.zeit: Ein Ausblick auf die neue Spielzeit 2014/15?

Clémeur: Mit „Quai Ouest“ wird es ab Ende September eine Auftragsarbeit bei uns geben, nach dem Drama von Bernard Marie Koltès und komponiert von Régis Campo. Das Stück spielt in den Docklands von New York, einer sehr düsteren, kriminellen Gegend. Ein Mann will sich dort ertränken, wird aber von den Randfiguren der Gesellschaft – Huren, Ganoven, Kleinkriminelle – gerettet. Und am Ende wird er selbst einer von ihnen.

 

cultur.zeit: Klingt nicht gerade nach einem Happy End.

Clémeur (lacht): Das kann man interpretieren, wie man will. Auf jeden Fall ist es eine interessante Geschichte.