Über den Kreis der Jazzliebhaber hinaus ist das bekannt: Villingen avancierte dank des Labels MPS und seines Studios in den 1960ern zum Mekka des exquisiten Sounds. US-Größen von Oscar Peterson bis George Duke verkehrten hier regelmäßig, Genrepapst Joachim Ernst Berendt holte die deutsche Szene von Wolfgang Dauner bis Albert Mangelsdorff in den Schwarzwald. Seit 2010 werden mit neuem Team und alter Technik hier wieder Aufnahmen gemacht – nach wie vor im „most perfect sound“. Am 22. März wird der Freiburger Jazz-Pianist Johannes Mössinger in den Studios ein Release-Konzert geben.

In den Studios sieht es tatsächlich noch so aus wie anno 1970. Bauchige Lampen in Gummibärchenrot hängen von der Decke im Foyer, die Schalensitze sind im geschmackvollen Retro-Braun gehalten. Von olivgrüner Wandverkleidung wird der berühmte Bösendorfer Flügel eingerahmt, der für Friedrich Gulda angeschafft wurde. Seit Jahrzehnten wurde er um keinen Zentimeter bewegt, denn seinen perfekten Standort hat Studiochef Hans Georg Brunner-Schwer seinerzeit minutiös ausgelotet. Plattencover von Oscar Peterson, Dave Pike und Baden Powell zieren die Türen. Im Regieraum, der vollgestopft ist mit feinster analoger Tontechnik von einst, sitzen Geschäftsführer Friedhelm Schulz und Tonmeister Adrian von Ripka in höchster Konzentration. Auf der anderen Seite der Scheibe agieren das Ensemble Fis Füz um den Freiburger Perkussionisten Murat Coskun und ihr prominenter Gast, der Klarinettist Gianluigi Trovesi. Sie befinden sich mitten in den Sessions für ihre neue gemeinsame CD. „Campanello Cammelato“ heißt das überschwängliche Tanzstück aus der Feder des Italieners. Es klingt warm, sehr nah, sehr präsent. Die Musiker schwören auf diesen Klang.

Zwei völlig unterschiedliche Charaktere, die sich optimal ergänzen: Mathias Brunner- Schwer (rechts) und Geschäftsführer Friedhelm Schulz.



„Unser Kapital ist nach wie vor der unverwechselbare Sound“, bekräftigt Schulz. „Wir sind ja erst seit anderthalb Jahren wieder am Start, und es ist wichtig, sich auf dem heutigen unübersichtlichen Markt mit einem Markenzeichen zu positionieren.“ Nach dem Tod von MPS-Gründer Hans Georg Brunner-Schwer 2004 wurde er als langjähriger Jazzaktivist und Freund der Familie vom Sohn Matthias ins Boot geholt, um das Erbe kreativ und nachhaltig weiterzuführen. Das passiert nun unter dem Kürzel HGBS-Musikproduktion, den Initialen des Nestors. „Wir ergänzen uns optimal, obwohl wir zwei völlig unterschiedliche Charaktere sind“, so Matthias Brunner-Schwer. Schulz als aktiver Programmgestalter und Vorstandsmitglied im Jazzverband BaWü sei am Puls der Zeit, während er selbst die Kontakte zu den alten Künstlern wahre und genau wisse, wie der MPS-Sound zu klingen hat. Schließlich hat er dem Vater schon als Bub über die Schulter geguckt, wenn der am Mischpult saß, war bei den nächtlichen Hauskonzerten in der Familienvilla gegenüber dem Studio dabei. „Wie eine Droge war das damals, als Oscar Peterson das erste Mal nach Villingen kam“, erinnert er sich. „Die Beatles wollte ich ab da nicht mehr hören.“

Brunner-Schwer und Schulz sind beide 60, wollen Strukturen schaffen, die in die Zukunft weisen, über ihre Lebenszeit hinaus. „Wir arbeiten jetzt vorrangig mit jungen Künstlern, mit denen wir zusammenwachsen wollen“, erläutert Schulz. Fis Füz sind da nur ein Beispiel. Die in Freiburg geborene Jazzsängerin Esther Kaiser hat ein jazziges Volksliedprojekt eingespielt, die Stuttgarter Jazzpreisträgerin Gee Hye Lee war mit ihrem Trio zu Gast, und der Pianist Johannes Mössinger spielte am Bösendorfer die Soloplatte „Poetry“ ein, die gerade veröffentlicht wurde.

Am 22. März wird er im Studio ein Release-Konzert geben. Auch Bezüge zu den alten MPS-Scheiben gibt es in der diesjährigen CD-Serie: Das holländische Hans Kwakkernaat Quartet hat in seiner Session Oscar Peterson Tribut gezollt, und mit dem Orchestra Of Voices will man die legendären a-cappella-Aufnahmen der Singers Unlimited nachbauen. Parallel zu den aktuellen Veröffentlichungen kann Matthias Brunner-Schwer aus einem Fundus von 4000 Bändern schöpfen. „Mein Vater hat grundsätzlich alle Künstler mitgeschnitten, die bei uns zu Besuch waren. Da ist eine Menge unveröffentlichtes Material, unter anderem sogar von Duke Ellington. Unsere große Bestrebung ist es, nach der Klärung der Rechte Einiges davon rauszubringen.“

Der Schlusston von „Campanello Cammelato“ verklingt. Die Musiker legen die Kopfhörer beiseite, kommen in den Regieraum hinüber, hören sich kritisch die Einspielung an. Gianluigi Trovesi ist mit einem Triller nicht zufrieden. Wenige Klicks auf dem Bildschirm, und die Tonkurve sitzt sekundengenau. Denn einen Computer, den gibt es mittlerweile schon zwischen den altehrwürdigen Bandmaschinen und Pulten.

Text: Stefan Franzen / Foto: Atelier Hugel

Info:
HGBS Musikproduktion UG
Richthofenstr. 1, 78048 Villingen-Schwenningen
Tel. 07721 52007, www.hgbs.de
Studiobesichtigungen und Führungen sind nach
Terminvereinbarung möglich.