Interview mit Wolfgang Wick über Kuba, Träume & Subkultur

Es war der Rechercheauftrag eines Reiseveranstalters, der den Freiburger Werbeagenturchef Wolfgang Wick nach Kuba führte – und zum Reggaetón. Heraus kam ein spannendes CD-Buch, das auch die Musiker vor Ort unterstützt. chilli-Autor Stefan Franzen erzählte Wick seine Geschichte.

 

chilli: Herr Wick, die musikalische Wahrnehmung von Kuba beschränkt sich bei vielen Deutschen auf Son und Salsa. Erklären Sie uns: Was ist Reggaetón?
Wolfgang Wick: Der Stil hat Ähnlichkeiten mit Rap, Soundmaschinen und Mikros stehen im Mittelpunkt, es ist die Musik der Jungen auf Kuba. Im Gegensatz zum kubanischen Rap haben die Musiker meistens keine Ausbildung und kein so ausgeprägtes Robin-Hood-Bewusstsein für die Armen. Es geht eher um Alltagsflucht, oft erotisch aufgeladen. Doch etliche Reggaetóneros sprechen durch die Blume auch politische Themen an.

chilli: Wie kommt eine Freiburger Werbeagentur gerade in diese Szene hinein?
Wick: Wir gestalten ja auch Reisekataloge. 2010 beendete einer unserer Kunden, Spezialist für Reisen nach Lateinamerika, die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Kuba-Fotografen. Für den aktuellen Katalog mussten also neue Fotos her. Kontakte in Havanna waren zwar da, aber jemand musste rüberfliegen und den Fotografen dort genaue Anweisungen geben. Der Chef des Reiseveranstalters schlug vor, dass ich das machen soll. Im Nebensatz sagte er dann noch zu mir: „Guck doch mal, was es da Neues gibt.“ Ich habe dann schon in der Vorbereitung recherchiert, was die jungen Leute da machen, wollte mich vom Buena-Vista-Social-Club-Klischee lösen. Und stieß auf den Reggaetón.

chilli: Wie?
Wick: Ich hatte das Glück, dass ein paar Leute aus Havanna mir ein Kulturprogramm zusammengestellt haben, und ich wünschte mir vor allem, die Spots der Subkultur kennenzulernen. Da habe ich Reggaetón zum ersten Mal live gesehen. Außerdem war ich im Stadtviertel Lawton, wo es das Projekt Muraleando gibt. Die Leute besitzen dort wirklich gar nichts – aber sie haben ihre Träume auf die Häuser draufgemalt. Einer der Gründer dieser Bewegung ist der Rapper Mario MC. Der hat uns in das winzige, improvisierte Tonstudio der Company Yoruba geführt, wo er und die Reggae- tóneros ihre Songs aufnehmen. Zum Abschied hat er mir eine gebrannte CD in die Hand gedrückt und gesagt: „Veröffentliche das bitte, ich will bekannt werden.“

Wollen ihre Botschaften in die weite Welt senden: Rositi K, El Moro Production, Mario MC & EL B.C.

 

chilli: Wie kam es dann zu dem fertigen Produkt „Malecón Buena Vista“?
Wick: Zurück in Deutschland habe ich die Idee entwickelt, mit Songs von Mario MC und anderen jungen Musikern eine ganze CD zu designen. Ich habe den Reiseveranstalter überzeugt, dass er mit einem solchen Begleitprodukt eine Reise promoten kann, bei der man Kuba nicht unter einer Wohlflühlglocke bereist, sondern den richtigen Alltag sieht. Als ich das Okay hatte, bin ich 2011 noch mal nach Havanna geflogen, habe mit neun Musikern Fototermine gemacht, und die haben ihre schon eingespielten Songs zur Verfügung gestellt, aus denen wir die besten ausgewählt haben. Es sind jetzt ganz unterschiedliche Persönlichkeiten dabei: Die politisch eingefärbte Rositi-K – im Reggaetón sind Frauen gleichberechtigt! – der smarte Womanizer El Poeta und sogar ein Duo, das Richtung Gospel geht.

Den Erlös aus dem CD-Verkauf will Wolfgang Wick wieder in Projekte der jungen kubanischen Szene stecken.

 

 

chilli: Was haben die Musiker vor Ort von der CD?
Wick: Jeder hat zur Eigenwerbung 50 fertige Exemplare über Privatpersonen bekommen, außerdem 50 Euro, was für sie ein Dreimonatsgehalt ist. Bis heute habe ich super Kontakte zu ihnen. Und jetzt bin ich mit dem Reiseveranstalter im Gespräch, eine ähnlich konzipierte CD mit ehemaligen Straßenkindern der Musikschule von Londrina im brasilianischen Bundesstaat Paraná zu produzieren, passend zur Fußball-WM.

Text: Stefan Franzen / Fotos: Wolfgang Wick, Mario MC