Eine Kindheit, die keine ist. Ein Leben, das von Erinnerungen überschattet wird. Eine Heimat, die zur Fremde wird. Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zeigt die Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg eine Ausstellung über Nazi-Terror gegen Jugendliche in der Region. Noch bis zum 27. März können Besucher durch originale Tonberichte, Bilder und Zeitzeugen-Begegnungen die Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation verschiedener Volksgruppen in Südbaden erforschen. Als erste Zeitzeugin erzählt die gebürtige Offenburgerin Eva Mendelsson-Cohn von ihrer gestohlenen jüdischen Kindheit.

 

„Zieh nach Übersee, Und verkünde tausendfach, Was man an uns tut.“

 

Diese Zeilen werden zu den letzten gehören, die Silvia Cohn, Mutter von Eva Mendelsson-Cohn, in ihrem Leben schreibt. Kurze Zeit später wird sie in Auschwitz ermordet. Sie ist eine von 23.000 Juden in Baden, die kurz nach Kriegsausbruch auf Befehl der Nazis ihre Heimat verlassen müssen und nach Frankreich verschleppt werden. Eine von denen, die ihre Heimat nie wiedersehen werden.

<br /> <p> </p>

 

22. Juni 1940: Nach der Waffenstillstandsvereinbarung mit Frankreich wird die Abschiebung aller Juden Badens und der Saarpfalz nach Frankreich veranlasst. Darauf folgt die „Wagner-Bürckel-Aktion“, benannt nach den damaligen Gauleitern beider Regionen – eine Großrazzia, bei der besagte Gebiete „judenfrei“ gemacht werden sollten.

 

In dieser Nacht werden 6538 Juden, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche, in französische Internierungslager deportiert. Eines dieser Kinder ist die damals neunjährige Eva. Bis 1939 besuchte sie die Lessing-Realschule in Freiburg, die zwei jüdische Klassen hatte. Doch eine jüdische Kindheit war schon damals hart. „Wir durften nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad, nicht zur selben Zeit Pause machen wie die anderen Kinder“, erzählt Mendelsson-Cohn.

 

Ihre Geschichte ist die einer zerrissenen Familie: Nach der Razzia wird sie mit Mutter und Schwester ins französische Lager Gurs verbannt. Der Vater musste Deutschland bereits 1939 verlassen. „Das Essen dort war schrecklich“, erinnert sich Mendelsson-Cohn. „Die Mutter konnte uns nicht geben, was wir brauchten: nicht Liebe, sondern Brot“.

 

Die Familie lebt in einer Baracke mit 50 anderen Gefangenen. Sie schlafen auf Strohsäcken. Gelbsucht und Ruhr grassieren. „Man wurde krank, Leute sind gestorben“, berichtet die 84-Jährige. „Wir hatten Wanzen, Ratten, allerlei Ungeziefer. Man wusste nicht, was schlimmer ist: der Hunger oder das Kratzen“.

 

Mit elf Jahren sieht sie ihre Mutter zum letzten Mal: Silvia Cohn wird mit hunderten anderer Juden von Gurs nach Auschwitz gebracht, wo die Nazis sie ermorden. Auch Esther, Evas älteste, an Kinderlähmung erkrankte Schwester, wird 1944 dort umgebracht. Ihre Töchter Myriam und Eva lässt Silvia Cohn im Lager zurück. „Für meine Begriffe ist es das Größte, was eine Mutter machen kann: sich von ihren Kindern trennen, um allein in den Tod zu gehen“, sagt Mendelsson-Cohn und ihre Stimme bebt.

 

Zusammen mit ihrer Schwester gelingt ihr dank einer Kinderhilfsorganisation die Flucht aus Gurs in die Schweiz. Ihren Vater sieht sie erst 1945 wieder – nach sechs Jahren.

 

Heute lebt sie in London, ist verheiratet, hat drei Kinder und sieben Enkel. „Ich lebe einigermaßen normal, aber ich habe viele Wunden, die nie verheilen werden“, sagt sie und appelliert an die heutige Jugend: „Vergesst die Geschichte nicht. Setzt Euch ein!“

 

Text: Sofia Conrads / Bild: Tanja Bruckert