Der Paula-Rombach-Literaturpreis: 92 Manuskripte und drei gewinner

Andrea Schwarz, Michael Navratil und Johanna Gerich haben den diesjährigen Paula-Rombach-Literaturpreis im Genre Prosa gewonnen. 92 Berufs- und Hobby-Literaten hatten sich in diesem Jahr beworben.

Wenn der Beginn einer Veranstaltung mit den Lettern „c. t.“ versehen wird, was fürs Lateinische „cum tempore“, also „mit Zeit“, steht und die akademische Viertelstunde später bedeutet, handelt es sich meist um ein universitäres Ereignis. Das weiß der Redakteur auch ohne Latinum und erscheint pünktlich zur Preisverleihung des Paula-Rombach-Literaturpreises im „Haus zur lieben Hand“ der Universität zu Freiburg. Seine Magnifizenz selbst, Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer, verspätete sich am Gründonnerstag um ein weiteres akademisches Viertel – um hernach umso feierlicher die Verleihung zu eröffnen: „Der Paula-Rombach-Literaturpreis ist ein beredtes Zeugnis für das Zusammenwirken von Universität, Wirtschaft und Gesellschaft zugunsten der schönen Künste.“ Mit dem vom Verleger Andreas Hodeige gestifteten, mit 5000 Euro dotierten Preis habe die Uni eine „neue Öffnung und Lebendigkeit“ bekommen.

2006 wäre Paula Rombach, die Mitbegründerin von Badischer Zeitung (BZ) und Rombach-Verlag, 100 Jahre alt geworden. Im gleichen Jahr würdigte Hodeige die außergewöhnliche Lebensleistung seiner Großmutter mit der Auszeichnung, die seither alle zwei Jahre vergeben wird. Die Besonderheit dabei: Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Studierende, Bedienstete und Ehemalige der Uni Freiburg sind aufgefordert, ihre literarischen Werke ins Rennen zu schicken. Nach Erzählungen, Dramen und Lyrik war in diesem Jahr wieder Prosa gefragt. 92 unveröffentlichte Manuskripte wurden eingeschickt – und durchliefen anonymisiert zwei Prüfungskommissionen: Eine Experten-Jury um die Germanistik-Professoren Achim Aurnhammer und Günter Schnitzler, Preisstifter Hodeige und BZ-Kulturredakteurin Bettina Schulte sowie eine „Nachwuchsrunde“ um Studierende aus dem Deutschen Seminar. Am Ende erzielten Jury und Studenten einen „kollektiven Gleichklang“, wie Schulte betonte, und prämierten drei Erzählungen.

Gruppenbild mit Damen: Andreas Hodeige (l.) und Hans-Jochen Schiewe (r.) rahmen die Gewinner – oder deren Stellvertreter – ein.



Die Erstplatzierte, Andrea Schwarz, glänze in ihrem Werk „Schattenbrüche“ nicht nur mit „atemlosen Satzkaskaden“ und einem „sprachlichen Rausch der Sinne, der seinesgleichen sucht“ – sondern auch mit Abwesenheit bei der Preisvergabe. So opulent ihre Sprache im Buch, so knapp die Hinweise zur eigenen Person. Den Preis nahm eine nach eigenen Aussagen „entfernte Cousine“ an, die nur nebulös informierte, die Autorin betreibe eine Pferdefarm im Südwesten Englands.

Einen Rechenschaftsbericht nach dem Muster von Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ gab Michael Navratil (23) ab, der mit „Dr. Müller hört auf“ Platz zwei belegte. Der Text entwirft das Psychogramm eines deutschen Beamten, der dem System der Ordnung unauffällig dient und dabei in eine Lebensverweigerung driftet, die in völliger Selbstaufgabe gipfelt. Die Jury lobte die „großartige Metapher“, in die Navratil den Zustand des Auslöschens fasste.

Über Bronze freute sich Johanna Gerich, die den aus der gleichen Legierung bestehenden Hirschen im Höllental in ihrer Erzählung „Hirschjagd“ von zwei rüstigen Senioren entführen lässt. Die Jury zeigte sich vom ungewöhnlichen Plot und der detailreichen Erzählweise angetan, mit der die 29-Jährige eine gesellschaftliche Debatte aufgreife: „Wohin mit den Alten?“ Ginge es nach der Autorin, würde sie gerne veröffentlicht werden. Derzeit plane man nicht, das Preisgekrönte zu publizieren, sagte indes ein Sprecher des Rombach-Verlags. Derzeit nicht – jedoch vielleicht „cum tempore“?

Text & Foto: Kai Hockenjos