Nimm die Gabelung

Für oder gegen die Treue, die Religion und die eigenen Triebe: Fast immer um der Liebe willen muss eine Handvoll Europäer und Amerikaner in dem transatlantischen Geschichtenreigen „360“ meist quälende Entscheidungen treffen. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles brilliert mit einem spannenden und sensiblen, ja sogar zärtlichen und doch kitschfreien romantischen Filmdrama.

Der Geschäftsmann Michael (Jude Law) hat Geheimnisse.


Mit einiger Mühe widersteht der britische Geschäftsmann Michael Daily (Jude Law) der Versuchung, in Wien mit der Prostituierten Mirka (Lucia Siposovà) ins Bett zu gehen. Seine Frau Rose (Rachel Weisz) versucht sich derweil in London von ihrem Geliebten, dem brasilianischen Fotografen Rui (Juliano Cazarré) zu trennen. In Paris hadert ein muslimischer Zahnarzt (Jamel Debbouze) mit seinem Glauben, weil er eine verheiratete Frau begehrt (Dinara Drukarova). Um sich von dem Kummer über ihren untreuen Freund Rui abzulenken, will die Brasilianerin Laura (Maria Flor) während einer wetterbedingten Flugunterbrechung in Denver unbedingt mit dem „süßen“ Tyler (Ben Foster) schlafen. Sie ahnt nicht, dass der ein entlassener Sexualstraftäter ist, der sich nach menschlichem Kontakt sehnt, aber Angst vor dem hat, was dann in ihm ausgelöst werden könnte.

Früh bringt Mirkas jüngere Schwester Anna (Gabriela Marcinkova) auf den Punkt, worum es in solchen ineinander verwobenen Geschichten geht. Demnach habe ein weiser Mann einmal gesagt: „Wenn du auf eine Weggabelung triffst – nimm sie.“ Anders gesagt: Entscheide dich, auch wenn du nicht weißt, wohin es führt. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles zeigt sich dem Publikum damit von einer neuen Seite. Die Protagonisten der blutigen Jugendbandenballade „City of God“ (2002) und des knallharten Pharmathrillers „Der ewige Gärtner“ (2005) nach John Le Carré folgten dem Pfad eines schicksalhaften Verhängnisses. In „360“ können sie wählen – sie müssen es sogar, was den Film auch von Schnitzlers Theaterstück „Reigen“ unterscheidet, mit dem der Film manchmal verglichen wird. Fast immer geht es um die Liebe. Doch wie sie sich auch entscheiden, nie weicht aus den Gesichtern, Gesten und Haltungen gänzlich der Zweifel, ob sie das Richtige tun. Aus der Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns und der Differenz zum eindeutigen Glück bezieht „360“ seine enorme emotionale Spannung.

Ist die Lust rein? Rose (Rachel Weisz) besucht ihren Liebhaber.


Das Drehbuch von Peter Morgan („Frost/Nixon“) folgt einer effektiven Dramaturgie der Drehtür in globalen Dimensionen. In Hotellobbies, Abflughallen, Coffeeshops und heimlichen Liebesnestern in Wien, London, Paris und den USA führt die Macht des Zufalls Menschen zusammen und trennt sie wieder, lässt sie einander begehren und einander verletzen. Die Dialoge sind dabei von schmerzlicher Präzision, sie beschönigen nichts, im Gegenteil: Eine kleine Lüge hier, um verletzten Stolz zu kaschieren, ein bisschen Heuchelei dort, um eine Beziehung zusammenzuhalten.

Auf seine visuellen Markenzeichen wie leicht körnige Bilder, ausgewaschene oder bizarr akzentuierte Farben und geteilte Leinwand mag Meirelles nicht verzichten. Aber er und sein Kameramann Adriano Goldman wissen mit traumwandlerischer Sicherheit, dass Verlangen keine Großaufnahmen braucht. Es teilt sich bei ihnen in Missgeschicken am Bildrand mit, in geöffneten Lippen, die nichts oder das Falsche sagen, oder in einer Hand, die sich nicht entschließen kann, ob sie streicheln, sich zur Faust ballen oder sich einfach zurückziehen soll.

„360“ erinnert an Altmans Episoden-Klassiker „Short Cuts“, wirkt aber intensiver und tiefgründiger. Es genügen immer nur wenige Minuten, um die überraschenden Facetten der Figuren zu entfalten, die im Übrigen von einem hervorragenden Schauspielerensemble aus Stars (so auch Anthony Hopkins in einer Nebenrolle) und Unbekannten verkörpert werden. Etwas grob gestrickt erscheint nur die Krimifarce, mit der sich der Film runden soll, mit der er die im Titel angedeutete 360-Grad-Drehung vollbringen will. Wenigstens merkt man daran, dass man im Kino war und nicht im wirklichen Leben, dem „360“ täuschend echt abgelauscht ist.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: 360
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Prokino
Laufzeit: 110 Min.