In der Haut des Ohnmächtigen

„5 Jahre Leben“, ein zeitgeschichtlich-biografischer Polit-Thriller nach den Erlebnissen des Deutsch-Türken Murat Kurnaz, setzt mit traumartigen Bildern eines tänzelnden Boxers und einer flüsternden Männerstimme ein, die sich an den „allermächtigsten Gott“ wendet. Warum es der Superlativ sein muss, versteht man schnell: Wer als Häftling in Guantanamo über fünf Jahre lang tagtäglich Folter und Qualen ausgesetzt ist, ruft nur noch die allerhöchste Instanz um Hilfe an.

Szene mit Sascha Alexander Gersak.
Im Jahre 2002, ein Tag wie jeder andere im US-Gefangenenlager auf Kuba: Der gerade in orangefarbenem Overall und Ketten eingetroffene Murat Kurnaz (Sascha Alexander Gersak) begeht den Fehler, die zusammengerollte Decke in seinem Käfig zu berühren – die Wärter prügeln mit Knüppeln auf ihn ein. Die Lagerrealität ist brutal und absurd zugleich. Zur Hölle machen die Haft neben der Gewalt die unerträglichen Demütigungen, der Schlafentzug – und die Verhöre.

Eine undurchsichtige Rolle spielt dabei der amerikanische Justizbeamte Gail Holford (Ben Miles). Er behauptet, er könne Murat freibekommen. Der junge Mann fasst Vertrauen und erzählt ihm in den Befragungen von seiner Jugend in Bremen, seiner Suche nach Orientierung im Islam, seiner Reise nach Pakistan, wo er von der Polizei nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als angeblicher Terrorist an die Amerikaner verkauft wurde. Murat hofft auf seine Entlassung, wenn er Holford davon überzeugen kann, dass er nichts mit islamistischem Terrorismus zu tun hat. Doch er sieht sich wachsendem psychischem und physischem Druck ausgesetzt, bis zur totalen Erschöpfung und fast völligen Verzweiflung.

Szene mit Ben Miles.
Wenn der Film-Kurnaz Zwiesprache mit Gott hält, betet man unwillkürlich mit. So tief steckt man in der Haut des Ohnmächtigen und wünscht sich von Holford Rettung. Die eindringliche Regie des Langfilm-Debütanten Stefan Schaller, die nahezu aufopferungsvolle Darbietung des Hauptdarstellers Gersak und die atmosphärisch präzise wirkende Guantanamo-Rekonstruktion in den Studios von Babelsberg erlauben keinen Millimeter Distanz zum Geschehen.

Doch die perfiden Inquisitionen als Leitfaden der Erzählung zu nehmen, führt zu zwiespältigen Ergebnissen. Einerseits wird unmittelbar die Unberechenbarkeit und Willkür eines menschenverachtenden Systems erfahrbar. Holford steht dabei für einen Typus, nicht für eine bestimmte Person. Der Film verdichtet Kurnaz’ Bericht und ergänzt ihn mit anderen Quellen über Guantanamo.

Andererseits nehmen die Verhöre und ihre Schrecken den Charakter einer geradezu göttlichen Prüfung an. Irgendwann liegt Gersak märtyrergleich mit ausgebreiteten Armen und hervortretenden Rippen in einer weißen Isolationszelle. Der Film steuert auf eine konventionelle dramaturgische Abrundung mit religiösem Beiklang zu, die ihm viel von seiner Wucht nimmt.

Den Heimweg legt man darum ohne Grauen im Kopf zurück. Aber mit der Gewissheit, ein aufwühlendes Kinoerlebnis durchlitten und ein aufrüttelndes Plädoyer gegen jede Form menschlicher Entwürdigung gesehen zu haben. Kritische ehemalige US-Soldaten wirkten daran in den Wärterrollen mit. „5 Jahre Leben“ empfiehlt sich als deutsche Eingabe für den Auslandsoscar. Denn dazu, dass Guantanamo endlich geschlossen wird, kann es wohl nicht genug Anstöße geben.

Text: Andreas Günther / Fotos: Zorro
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Zorro
Laufzeit: 95 Min.