Die Kunst des Protests

Nein, leid tut ihm nichts. Keine seiner politischen Aktionen, keines seiner Kunstwerke, keine Entscheidung, die er in seinem Leben getroffen hat. Ai Weiwei ist Chinas wohl bekanntester Künstler und Aktivist – und vielleicht auch die von der chinesischen Regierung am strengsten überwachte Person des öffentlichen Lebens. Der beeindruckende Dokumentarfilm „Ai Weiwei: Never Sorry“ der Filmemacherin Alison Klayman zeigt einen Mann, der für seine Überzeugungen lebt und keine Kompromisse eingeht. Weder in der Kunst, noch im Politischen.

Das Internet ist für Ai Weiwei das wichtigste Medium, um seinen Protest in die Welt hinauszutragen.


Egal, welche Repressalien sich der Staat für ihn einfallen lässt: Ai Weiwei macht immer weiter. Er kämpfte für die Erinnerung an die knapp 5.000 Kinder, die bei einem schweren Erdbeben in der Provinz Sichuan im Jahr 2008 in ihren Schulen ums Leben kamen – der Regierung wirft er im selben Atemzug vor, beim Bau der Lehranstalten geschlampt zu haben. Er engagierte sich für den Aktivisten Tan Zuoren, der aufgrund seines Einsatzes für die Rechte der Erdbebenopfer inhaftiert wurde. Er boykottierte die Olympischen Spiele in Peking, obwohl er einer der Architekten des berühmten Vogelnest-Stadions war.

Ganz bewusst ist Ai Weiwei stets auf Konfrontationskurs mit der Regierung. Derzeit bekommt er die Konsequenzen dafür zu spüren: Seit Juni 2011 steht er unter Hausarrest, darf keine Interviews geben. Klaymans Dreharbeiten fanden in der Zeit davor statt. Sie inszeniert ihren Protagonisten nicht als heroischen Kämpfer, der selbstlos alles riskiert, um das System zu verändern. Vielmehr beobachtet sie aus der Distanz, wie Ai arbeitet, was ihn antreibt und wie der chinesische Staat auf ihn reagiert – ohne selbst eine politische Position zu beziehen.

Nach dem plötzlichen Verschwinden Ai Weiweis im März 2011 setzten sich Menschenrechtsorganisationen und Unterstützer für seine Freilassung ein.



Auch die Interviews mit ihm führt Alison Klayman nicht selbst, vielmehr sieht sie aus dem Hintergrund dabei zu, wie ausländische Journalisten oder Kuratoren den Künstler befragen. Weggefährten und Vertrauenspersonen lässt sie frei vor der Kamera sprechen. Sinn und Hintergründe von Ai Weiweis Schaffen werden an manchen Stellen allerdings etwas zu distanzlos von seinen Bewunderern erklärt. Wenn der Künstler selbst über sein Werk redet, braucht er nur wenige Worte – wenngleich viele seiner Arbeiten für sich sprechen.

Manchmal wirkt es, als nähme Ai Weiwei gar nicht wahr, dass er gefilmt wird. Er agiert wie selbstverständlich, gewährt tiefe Einblicke in sein Privatleben und seine Gedankenwelt. Klaymans ausdrucksstarke Bildsprache und die kluge Verwendung von Archivmaterial und privaten Fotos ergänzen diese Offenheit sehr gut. „Ai Weiwei: Never Sorry“ ist das gelungene Porträt eines Mannes, der den komplizierten Weg wählte – und es nicht bereut.

Text: Christina Freko / Fotos: DCM
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Ai Weiwei: Never Sorry
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6 (beantragt)
Verleih: DCM
Laufzeit: 91 Min.