Der Unvollendete

Irgendwann, gestand Glenn Close der „New York Times“, sei sie an einem Punkt angekommen, an dem sie sich fragte, ob sie den Rest ihres Lebens damit leben könne, dieses Projekt aufgegeben zu haben. Diesen Film, für den sie selbst den ersten Drehbuchentwurf verfasste, für den sie von Regisseur zu Regisseur rannte. Aus dem einfachen Grund, dass sie diese eine Rolle, die sie 1982 in einem Off-Broadway-Stück spielte, im Laufe der Jahre einfach nicht losließ. Nein, sie hätte es sich nicht verzeihen können, wenn „Albert Nobbs“ (2011) nicht in die Kinos gekommen wäre. Zwei Jahre, nachdem Glenn Close für die Titelrolle in ihrem Herzensprojekt sowohl für den Oscar als auch für den Golden Globe nominiert war, feiert das Drama nun endlich auch in Deutschland Kinopremiere – drei Wochen vor seinem Home-Entertainment-Start.

Szene mit Glenn Close.
Sein Auge fürs Detail, seine Unauffälligkeit und seine Zurückhaltung sind die Eigenschaften, die Albert Nobbs zu einem perfekten Butler machen. Und die ihm helfen, sein großes Geheimnis zu wahren. Denn Albert Nobbs ist eigentlich eine Frau, die aber seit Jahrzehnten als Mann lebt. Nicht weil sie sich im falschen Körper gefangen fühlte oder weil Männer im Irland des 19. Jahrhunderts besser verdienen als Frauen: Die nackte Angst war es, die ein junges Mädchen nach einem schrecklichen Erlebnis einst seine Identität aufgeben ließ. Entsprechend groß ist Alberts Verwirrung, als er eine Schicksalsgenossin (Janet McTeer) kennenlernt, die das Leben als Mann zu genießen scheint, sich gar eine Ehefrau genommen hat. Ob sich Albert diesen ungekannten Traum wohl mit dem Dienstmädchen Helen (Mia Wasikowska) erfüllen könnte?

Was für eine Herausforderung muss es sein, eine so „unvollendete Person“ zu spielen, wie Glenn Close Albert Nobbs einmal nannte – eine Figur, die so wenig wie möglich von sich preisgeben möchte? Als Albert Nobbs kontrolliert Glenn Close ihre Gesichtszüge, ihre Bewegungen und ihre Stimme mit so großer Strenge, dass sie sich von einer US-Kritikerin den Vorwurf gefallen lassen musste, wie eine Wachsfigur zu wirken. Doch zeigt sich nicht gerade in jeder steifen Bewegung, in jedem leisen Wort und in jedem unterdrückten Mundwinkelzucken, dass die 66-Jährige dieses tief traumatisierte Wesen genau erfasst hat?

Szene mit Glenn Close und Janet McTeer.
Es dürfte also nicht an der Leistung der Hauptdarstellerin gelegen haben, dass sich das Drama hierzulande schwertat, einen Verleih zu finden, sondern eher an der Inszenierung von Rodrigo García. Einstellung um Einstellung zieht der Kolumbianer in die Länge, als ob er sich von seinen interessanten Figuren, seinen großartigen Darstellern und der opulenten Ausstattung einfach nicht lösen könnte. Er lässt der Dramatik dabei oftmals so viel Raum, dass sie sich darin nicht nur entfalten, sondern auch verloren gehen kann. Und das macht die traurige Geschichte des Albert Nobbs gleich noch ein klein wenig trauriger.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Pandastorm Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Pandastorm
Laufzeit: 118 Min.