Frodos Mannequins

Der französische Horror-Experte Alexandre Aja ist Fans durch Filme wie „High Tension“, aber auch durch seine in Hollywood produzierten Horrorschocker „Piranha 3D“ und „The Hills Have Eyes“ bekannt. Gemeinsam mit Regisseur Franck Khalfoun, mit dem er bereits den Tiefgaragen-Slasher „P2“ ausgetüftelt hat, wagt er sich nun an ein Remake des in Deutschland seit nahezu 30 Jahren verbotenen Exploitationfilms „Maniac“ von William Lustig. Aja, dessen Machwerk in diesem Jahr in Cannes seine Weltpremiere feierte, ist für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Erstaunlicherweise ging seine Version ohne einzigen Schnitt durch die FSK.


Als durchgeknallten Serienmörder, den im Original Joe Spinell spielte, konnte er niemand Geringeren als Frodo-Darsteller Elijah Wood gewinnen, der mutmaßlich an einem drastischen Imagewechsel interessiert ist – 2005 spielte er bereits in „Sin City“ von Robert Rodriguez einen psychopathischen Killer. Die Handlung wurde von der glitzernden Metropole New York in die düsteren Gegenden von Los Angeles verlegt, gemordet werden nun nahezu ausschließlich Frauen.

Doch die wohl entscheidendste Änderung an Lustigs Original nahm man bei der Wahl der Kameraperspektive vor: Der Film ist von Kameramann Maxime Alexandre nahezu komplett aus der Sicht des Mörders gedreht. Ein gewagtes Experiment, da der Zuschauer in jedem Moment weiß, wann der Psychopath Frank zuschlägt. Interessant daran: Man wird gezwungen, sich verstärkt mit seinem eigenen Voyeurismus auseinanderzusetzen. Zuweilen überfällt einen das Gefühl, Franks oftmals blutig geschrubbte Hände, die das nächste weibliche Opfer ermorden und skalpieren wollen, seien tatsächlich die eigenen – die unangenehme Abwehr dieses Seheindrucks ist die nachhaltigste Erfahrung, die man aus dem Film mitnimmt. Glücklicherweise wurde „Maniac“ nicht in 3D gedreht …

Dagegen gar nicht nachhaltig ist der Erkenntnisgewinn, den man aus dem Film, der offensichtlich nicht für reine Slasherfilmfans fabriziert wurde, mitnimmt: Serienmörder Frank lebt sehr zurückgezogen, von Polizei und Gesellschaft vergessen, im Moloch von Los Angeles. In seinem von der Mutter vererbten Laden „Angelas Mannequins“ restauriert er tagsüber liebevoll alte Schaufensterpuppen. Des Nachts aber fährt der junge Mann mit den Kulleraugen, untermalt von einem atmosphärischen Synthie-Soundtrack, durch die gottverlassenen Straßen. Zwanghaft macht der schmächtige Frank Jagd auf – erstaunlich wehrlose – Frauen, die er brutal ermordet und skalpiert. Hier bleibt dem Zuschauer nichts erspart.


Eines Tages jedoch betritt die Künstlerin Anna (Nora Arnezeder) mit einem Faible für Schaufensterpuppen-Fotografie Franks Laden – es entspinnt sich eine hauchzarte Liebesgeschichte zwischen den beiden einsamen Seelen. Die Beziehungsunfähigkeit der beiden, die in den jeweils anderen eine Menge hineinprojizieren, gehört zu den interessantesten Elementen, des ansonsten recht dürftigen Drehbuchs.

So bemerkt Anna erst viel zu spät, mit wem sie es eigentlich wirklich zu tun hat. Und in diesem Zusammenhang kann einen der Film richtig verärgern: Die in Rückblenden – als Erinnerungen und Träume – aufgerollte Hintergrundgeschichte Franks, bei der man ihn dann, ebenso wie in wenigen Spiegelszenen, auch einmal wirklich zu Gesicht bekommt, ist mehr als hanebüchen: Seine promiskuitive Mutter hat den kleinen Frank völlig vernachlässigt, nur beim Haarekämmen durfte er ihr nahekommen – weshalb er nun wahllos Frauen ihrer Haarpracht beraubt und ihren Skalp seinen fliegenumschwirrrten Schaufensterpuppen aufsetzt. Warum dann nicht gleich lieber ein „ehrliches“, freilich recht frauenfeindliches Slasher-Remake aus ungewöhnlicher Kamerasicht drehen? Einen Film also, in den sich bestimmt kein sensibler Frodo-Fan verirrt?

Text: Gabriele Summen / Fotos: 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Maniac
Genre: Horror
Freigabealter: 18
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 92 Min.