Von A wie Angst bis Z wie Zuwendung

Der Österreicher Erwin Wagenhofer ist für aufrüttelnde Dokumentarfilme bekannt, in denen er erschreckende, gesellschaftliche Missstände aufzeigt. In „We Feed the World“ setzte der Filmemacher den profitorientierten Umgang der Nahrungsmittelindustrie mit der Natur formidabel ins Bild, in „Let’s Make Money“ prangerte er ein hemmungsloses neoliberales Denken an, das sich ausschließlich an der Gewinnmaximierung ausrichtet. In seinem neuesten Streich „Alphabet“ führt er überaus eindrucksvoll vor, wie es überhaupt zu einer solchen Haltung kommen kann – durch das Bildungssystem.

Thomas Sattelberger war von 2007 bis 2012 Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Telekom. Dem Leistungssystem steht er kritisch gegenüber.

 

Die gnadenlose Abrichtung von Schulkindern in aller Welt zu angstgesteuerten Arbeitsbienen ist Thema des letzten Teils seiner Dokutrilogie. Gleichzeitig liefert Erwin Wagenhofer beeindruckende Beispiele dafür, wie es gänzlich anders laufen kann: Zuwendung statt Angst, kreative Selbstentfaltung statt Drill auf standardmäßige Antworten, die unseren Planeten nur noch weiter in diverse Krisen treiben werden. So setzt Wagenhofer seinem Film eine recht überspitzte Aussage voran: „98 Prozent aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt, nach der Schule sind es nur noch zwei Prozent.“

Wird die Vorstellungskraft von Kindern systematisch zerstört?

 

Zu den zwei Prozent wird auch höchstwahrscheinlich irgendwann der zur Erfolgsmaschine getrimmte, bemitleidenswerte chinesische Schüler gehören, dessen Mutter stolz seine zahlreichen Urkunden präsentiert, während der erschöpfte Elfjährige teilnahmslos wie ein Zombie daneben sitzt und man Angst um sein Leben bekommt. Zwar belegt „Das Land des Lächelns“ laut Pisa-Studie im Bildungsranking den ersten Platz, hat aber auch eine unfassbar hohe Selbstmordrate unter Schülern zu beklagen.

Der Spanier Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Universitätsabschluss besitzt. Er studierte Lehramt und Psychologie.

 

Ja, diese vom Wirtschaftsboom besessenen Chinesen, könnte man sagen, aber Wagenhofer lässt in seinem Film auch die Hamburger Vorzeigegymnasiastin Yakamoz Karakurt noch einmal Passagen aus ihrem heiß diskutierten offenen Brief vorlesen, den sie 2011 veröffentlichte. „Mein Leben … ist die Schule“, klagt sie darin, und dass sie keine Zeit mehr für Hobbys, Freizeit und Spaß habe. Demgegenüber setzt Wagenhofer Menschen wie den Sohn des in Frankreich ansässigen deutschen Kunstpädagogen Arno Stern in Szene. Der glücklich wirkende junge Mann hat nie eine Schule besucht, musste sich nie in Konkurrenz zu anderen beweisen, sondern folgte lediglich seiner angeborenen Wissbegier: Heute spricht er fließend mehrere Sprachen und ist als Gitarrenbauer, Komponist, Journalist und Autor tätig.

Qu Pei wird zu Spitzenleistungen getrieben. Viel Zeit für sich selbst bleibt da nicht.

 

„Sie können keinen zwingen, sich zu bilden, sie können ihn nur einladen“, kommentiert der Wissenschaftler Gerald Hüther eindringlich an anderer Stelle die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung, die Sterns Methoden Recht geben. Der britische Bildungsexperte Sir Ken Robinson, der seit Jahren eindringlich für die Förderung der Fähigkeit zum unangepassten Denken plädiert, weist darauf hin, dass das weltweite Bildungssystem noch aus dem Zeitalter der frühen Industrialisierung stammt.

Die Schülerin Yakamoz Karakurt sorgte mit ihrer Kritik am G8-System für Diskussionen.

 

„Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer Zeit“, lässt überraschenderweise auch Thomas Sattelberger, Ex-Spitzenmanager der Telekom, in dieser umfassenden Doku verlauten. Ein Einblick in die alljährlich stattfindenden Auswahlverfahren für charakterlose Manager-Klone des renommierten Beratungsunternehmens McKinsey zeigt, wie erschreckend unkreativ die jungen Topmanager von Morgen ausschließlich leistungsorientierte Hohlformeln von sich geben, die schon lange nichts mehr mit unserer komplexen Realität zu tun haben. Die immensen Herausforderungen unseres Zeitalters können nur mit der zu nährenden Fähigkeit zu innovativem Denken gelöst werden, das lehrt den aufgeschlossenen Zuschauer dieser dramatische Film über den Zustand des weltweiten Bildungssystems.

Text: Gabriele Summen/ Fotos: 2013 Pandora Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Pandora
Laufzeit: 113 Min.