Ganz ohne Klischees

Keine Klischees, bitte. Obwohl sie sich einem ja aufdrängen könnten – sowohl beim Thema des Films (tragische Schwangerschaft) wie bei dessen brillanter Hauptdarstellerin Aylin Tezel. Tezel ist die neue Jungkommissarin im Dortmunder „Tatort“, die behende auf Mülltonnen springen kann und die Nase stets vorn hat, wenn es um die Aufklärung eines Falles geht. Tezel – Vater Türke, Mutter deutsch – war anfänglich Spezialistin für junge Kopftuchträgerinnen und überhaupt für Türkisches, vom Inzest-Tatort „Wem Ehre gebührt“ über eine Gastrolle in der Sitcom „Türkisch für Anfänger“ bis hin zum Publikumserfolg „Almanya“ (Deutscher Filmpreis). Aus dieser Schublade ist sie spätestens mit ihrem neuen Film „Am Himmel der Tag“ nun heraus.


Aylin Tezel ist das Ereignis dieses Films, der eine tragisch endende, ungewollte Schwangerschaft zum Thema hat. Dabei bereitet ihr die unerhört versierte Berliner HFF-Absolventin Pola Schirin Beck, eine Entdeckung, mit der Konzentration auf Stimmungen und Umweltreflexe den Boden.

Die junge Architekturstudentin Lara (Tezel) zieht mit ihrer gleichgesinnten Freundin Nora (Henrike von Kuick) durch das Berliner Nachtleben. Sie weiß nicht, wozu und wohin mit dem Leben, auch wenn ihr der Architekturdozent von der Uni ganz gut gefällt. Ausgerechnet Nora schnappt ihr den Wunschmann vor der Nase weg, was bei Lara zu einem Aussetzer führt: Sie geht in der Disco mit dem Nächstbesten in Gestalt eines Barkeepers auf die Toilette.

Als sie von der Gynäkologin später erfährt, dass sie schwanger ist, sind die Freundinnen nochmal ganz eins: „Wir bekommen ein Kind“, jubeln sie. Lara freut sich über das Ultraschall-Bild: „Mein Kind is’n Fleck“, zitiert sie die Ärztin, und die Freundin fragt: „Ist das gut oder schlecht?“ – Der Drehbuchautor Burkhardt Wunderlich, ein Neuling wie Beck, treibt den Film mit flotten Sprüchen an, ohne je hohl zu werden. Was dann auch für die Katastrophe gilt: Das Kind stirbt im Bauch. Der Schock sitzt tief, Lara treibt sehr alleine durch die Hauptstadt. Unter Lebensgefahr verleugnet sie den Tod ihres Kindes. Immerhin ist ihre eben gewonnene Identität zerstört.


Zwar gelingt es der Regie nicht völlig, den Wandel von der flotten Coming-of-Age-Komödie zum Psychodram ohne Brüche zu zeigen. Doch das alles wird schließlich von der Hauptdarstellerin aufgefangen, die mit klugem Ernst ihrer allein gelassenen Figur zu völliger Glaubwürdigkeit verhilft. – Mag ja sein, dass sich darüber nun die Evangelischen Akademien oder auch Pro Familia freuen. Macht aber nichts, sollen sie doch. Ist trotzdem ein beeindruckender Erstlingsfilm großen Formats.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Kinostar / Cate Smierciak
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Kinostar
Laufzeit: 88 Min.