Wenn aus Spiel Verhängnis wird

Die erotisch impulsive Anna Karenina (Keira Knightley), verheiratet mit einem hohen Beamten, tanzt anlässlich eines herrschaftlichen Balls mit dem feschen Offizier Graf Wronski (Aaron Taylor-Johnson). Zwischen den beiden talentierten Verführern entflammt eine unbeherrschbare Leidenschaft. Joe Wrights Regie lässt in „Anna Karenina“ die hohe Gesellschaft von St. Petersburg im russischen Reich von 1874 im Dunkeln verschwinden. Mitsamt Kitty (Alicia Vikander), die begreifen muss, dass Wronski sie nicht heiraten wird. Alles Licht scheint von den ineinander verschlungenen Körpern von Anna und Wronski auszustrahlen. Was als virtuoser Flirt beginnt, steigert sich zu wollüstiger Eroberung. Wie von reiner Triebenergie erfüllt, schraubt sich das Paar seufzend in einen imaginären Himmel. Wenn man im Film eine Vereinigung der Leiber zeigen kann, ohne dass die Beteiligten Korsett respektive Gardeuniform ablegen müssen – dann so.


„Anna Karenina“, Leo Tolstois komplexer Roman über eine unerfüllbare Liebe von 1878, wurde schon oft für Film und Fernsehen bearbeitet. Aber angefangen bei Keira Knightleys vor Erregung flackerndem Gesicht ist diese Version so sinnlich wie keine ihrer geschätzten zwei Dutzend Vorgänger. Rastlose Aktivität ohne inneren Kompass, erst recht im Erotischen – dieser Problematik von Tolstois Figuren werden die Filmemacher höchst plastisch gerecht. Wie im magischen Realismus vermischen sie Fantasie und Realität, verwandeln die Gefühle und Gedanken der Akteure vor Seamus McGarveys agiler Kamera in einen mitreißenden Strom der Blicke, Bewegungen und Berührungen und lassen das angstvolle Rascheln von Annas Fächer während Wronskis tragischem Pferderennen in unheilvolles Hufgetrappel übergehen.

„Mein Gott, er hasst sie“, soll Knightley beim Wiederlesen des Romans über Tolstois Haltung gegenüber seiner Hauptfigur gesagt haben. Über ihre Meinung lässt sich wohl trefflich streiten – darüber, dass sie als Anna die Idealbesetzung ist, aber kaum. Dem Leser von heute kommt die abstruse Idee, der 27-Jährigen sei die Rolle auf den Leib geschrieben. Trotz ihrer schmächtigen Gestalt ist die durch „Fluch der Karibik“ berühmt gewordene Knightley mit dem schwarzen gekräuselten Haar, den blitzenden Augen und der Angewohnheit, die Lider leicht zusammenzukneifen, der Anna Karenina schon äußerlich weitaus ähnlicher als ihre Vorgängerinnen von Greta Garbo bis Sophie Marceau. Vor allem aber verkörpert sie als Erste die Eleganz, den Stolz, die überbordende Vitalität und das Vergnügen am Abenteuer der Figur. Anna Karenina darf endlich schön und sexuell aktiv sein statt bloß Opfer einer bornierten Gesellschaft und eines unentrinnbaren Schicksals.


Den Gipfel ihrer Darstellungskunst erreicht sie durch das Spiel-im-Spiel. Wright, schon bei den Welterfolgen „Stolz und Vorurteil“ sowie „Abbitte“ Knightleys Regisseur, hat erkannt, dass Tolstois Menschen voller Komik und Tragik zwischen Sein und Schein gefangen sind. Sie wissen nicht, wann sie wirklich sie selber sind. Ehrbarkeit mimende Dame, befriedigte Liebhaberin, angewiderte Gattin von Alexej (Jude Law) – Anna gleitet durch Rollen ohne inneren Ruhepunkt. Keira Knightley ist darin brillant und zeigt, wie aus Spiel Verhängnis wird. Sie steht dabei im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Bühne. Anhänger illusionistischer Unterhaltung werden sich die Augen reiben: Statt in plüschigem Ambiente zu schwelgen, ist Ausgangspunkt der filmischen Fiktion ein Theaterraum, in dem die Künstlichkeit der Kulisse Teil des Spektakels ist.

Ausgeschöpft ist Tolstois Vorlage damit aber nicht. Der gesellschaftskritische Drehbuchautor Tom Stoppard verfehlt, dass Anna daran scheitert, ihres Glücks eigener Schmied sein zu müssen. Mit Annas Gegenpart, dem etwas einfältigen und später zufrieden mit Kitty liierten Lewin (Domhnall Gleeson), kann er deshalb wenig anfangen. Das dürfen andere Filmemacher optimieren. Eine überzeugendere Anna wird sich jedoch schwer finden lassen. Keira Knightley empfiehlt sich als große Diva des 21. Jahrhunderts.

Text: Andreas Günther / Fotos: Focus Features
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Anna Karenina
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 129 Min.