Afflecks Griff nach dem Oscar

So viele Razzie-Nominierungen Ben Affleck für seine schauspielerischen Fehltritte (unter anderem: „Pearl Harbor“, „Daredevil“, „Gigli“) bereits kassierte: Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass sich der 40-Jährige auch schon für einen Oscar bedanken durfte – für das Drehbuch zu „Good Will Hunting“ (1997), das er gemeinsam mit seinem Kumpel Matt Damon schrieb. Ben Affleck weiß, wie man eine Geschichte erzählt, wie man sie gut erzählt. Und zwar auch dann, wenn er nicht an ihr mitgeschrieben hat – wie er in seiner dritten Regie-Arbeit „Argo“ eindrucksvoll unter Beweis stellt.


Nachwuchs-Autor Chris Terrio arbeitete für Affleck die wahre Begebenheit auf, die Joshuah Bearman im Mai 2007 in einem siebenseitigen Artikel im „Wired“-Magazin zusammenfasste: die Geschichte einer unglaublichen Rettungsaktion, die im Januar 1980 im Iran über die Bühne ging.

Mit vorgehaltenen Waffen verschafften sich aufgebrachte iranische Studenten am 4. November 1979 Zutritt zur amerikanischen Botschaft in Teheran. 52 Amerikaner wurden als Geiseln genommen, um die Auslieferung des verhassten Schah zu erzwingen, der wenige Monate zuvor gestürzt wurde und in den USA Asyl fand. Sechs Mitarbeiter der Botschaft entkamen beim Sturm des Gebäudes jedoch unbemerkt – sie konnten ins Haus des kanadischen Botschafters (Victor Garber) fliehen.

69 Tage vergehen, bis Tony Mendez (Ben Affleck) in Washington über die sechs „Hausgäste“ des kanadischen Diplomaten informiert wird. Der CIA-Experte soll einen Weg finden, sie sicher aus dem Iran zu schmuggeln. Sein Plan ist höchst riskant, aber für seine Vorgesetzten „die beste schlechte Idee, die wir haben“: Mit Unterstützung des renommierten Maskenbildners John Chambers (in Bestform: John Goodman) und des Produzenten Lester Siegel (bissig: Alan Arkin) wird Mendez vorgeben, im Iran einen Science-Fiction-Film namens „Argo“ drehen zu wollen – und die sechs Flüchtigen bei der Ausreise als seine Crewmitglieder ausgeben.

Nicht einen Zweifel lässt Regisseur Affleck im Verlauf seines Films am Ernst der Lage: In kurzen Einschüben vermittelt er einen recht guten Eindruck davon, welche seelischen Qualen die Geiseln im besetzten Botschaftsgebäude durchleiden. Er zeigt aber auch, um Sachlichkeit bemüht, wie wütende Amerikaner iranisch-stämmige Mitbürger drangsalieren oder in Fernsehumfagen militärische Maßnahmen gegen den Iran fordern. Die Anspannung ist enorm.


Trotz allem besitzt „Argo“ überraschend humoristische Momente, gar bessere Pointen als manche Komödie. Allesamt zielen sie auf die nicht mehr ganz so glamouröse Filmindustrie ab – immerhin die einzige Branche, die verrückt genug erschien, in Zeiten größter Gefahr Projekte in Krisengebieten zu starten.

Das taktvolle Spiel mit den gegensätzlichen Tonarten und Stimmungen, das Verbinden von Polit-Thriller mit ein wenig Mediensatire – das meistert Affleck ausgesprochen souverän. In Oscar-Nähe wird ihn allerdings noch etwas anderes bringen: sein wirklich vorbildlicher Aufbau des Spannungsbogens. Fast das komplette letzte Drittel seines Films ließ Affleck von seinem Cutter William Goldenberg („Transformers 3“) als Parallelmontage anlegen. Ausdauernd wechselt er zwischen der Flüchtlings- und der Verfolger-Ebene; temporeich, antreibend, aber auch nicht zu hektisch. Dadurch entwickelt der Thriller eine Sog-Wirkung, so stark und unausweichlich, dass man Affleck die finale Dramatisierung der sonst recht akkurat wiedergegebenen Ereignisse ohne weiteres nachsieht. Ein bisschen Übertreibung gehört bei guten Geschichtenerzählern schließlich dazu …

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Warner Bros. Ent. / Claire Folger
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Argo
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 120 Min.