Allen Stürmen widerstehen

Weltuntergang am 21.12.2012? Mal sehen. Eines dagegen ist sicher, einen Tag davor startet ein magisches Endzeitmärchen in den deutschen Kinos, bei dem man von der kleinen Heldin einiges in puncto Überleben lernen kann. Mit seinem Kino-Erstling räumte US-Regisseur Benh Zeitlin in diesem Jahr bereits von Sundance bis Cannes wichtige Festivalpreise ab und legte jetzt auch in Amerika einen aufsehenerregenden Kinostart hin. Kein Wunder, denn „Beasts Of The Southern Wild“ schlägt innovative Wege ein.

 

Benh Zeitlin führt die Zuschauer in eine von der Welt vergessene und von der Regierung längst aufgegebene Gegend: die Sümpfe von Louisiana im Mississippi-Delta. Die Bayou-Siedlungen werden von keinen Dämmen mehr geschützt, hier drohen ständig heftige Überschwemmungen und lebensbedrohliche Stürme.

Für die sechsjährige Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) ist ihr Wohnort „Bathtub“ der „schönste Platz auf der Welt“. Hier lebt sie umgeben von Wasser, Tieren und wilder Natur in improvisierten Holzbehausungen ohne Strom und bewegt sich durch die Umgebung auf einem aus Müll zusammengebauten Floß. Ihr Vater Wink (Dwight Henry), ein Alkoholiker, liebt sie zwar, weiß aber nicht, wie er mit ihr umgehen soll. Mal straft er sie mit Strenge, mal beachtet er sie überhaupt nicht. Hushpuppy ist aber eine Überlebenskünstlerin und erklärt sich die Welt aus dem, was sie sieht und sich in ihrer überbordenden Fantasie zusammenreimt. So hängt für sie alles miteinander zusammen. Und gerät etwas in Schieflage, lässt sich das Gleichgewicht mit Erfindungsreichtum immer wieder herstellen.

 

Als jedoch ein furchtbarer Sturm aufzieht – man denkt dabei an Hurrikan Katrina – erreicht die Zerstörung ein neues Maß. Hushpuppy muss einsehen, dass manchmal Dinge kaputt gehen, die sich nicht mehr reparieren lassen. Als Kämpferin stellt sie sich dem scheinbar Unabwendbaren, sei es der Vertreibung aus ihrer bedrohten Heimat oder der tödlichen Krankheit ihres Vaters.

Altkluge Kinder nerven in Filmen oft, nicht so Hushpuppy. Sie verkörpert alle Stärken der Bewohner einer Gegend, die schon seit Jahrhunderten den Naturgewalten auf unmittelbare Weise ausgesetzt waren. Daraus entwickelten sich eigene, für den Zuschauer befremdlich wirkende Traditionen wie extravagante Partys im Angesicht der nahenden Zerstörung. Statt Lesen und Schreiben steht Mythologisches über die Bedrohung durch Urzeittiere, die titelgebenden „Beasts“, auf dem Stundenplan. Und wer einen Krebs mit bloßen Händen aufknacken kann, sichert ein Stück mehr sein Überleben. Ihre kindliche Naivität und ihre Fantasie machen Hushpuppy zu einer bezaubernden Erzählerin. Eine der wichtigsten Fragen ihres Lebens ist die nach dem Verschwinden ihrer Mutter, die sie in einer surrealen Szene für sich beantwortet und Stärke daraus gewinnt.

 

Immer wieder werden herangaloppierende, furchterregende und alles verschlingende Auerochsen gezeigt. Die abschmelzenden Polkappen haben die Urviecher aus dem Eis befreit. Und eines ist klar, sie werden auf Hushpuppy treffen. Das klingt befremdlich, fügt sich bei Zeitlin aber zu einem perfekten, wundersamen Ganzen, das den Realismus gekonnt überwindet.

Eines der größten Wunder des Films ist die Hauptdarstellerin, ein Mädchen aus Louisiana, ein Laie, ebenso wie ihr Filmvater, der im richtigen Leben eine Bäckerei betreibt. Quevenzhané Wallis transportiert den poetischen und träumerischen Ton des Films, was ihn weit über ein kritisches Öko-Märchen erhebt und zu einem einzigartigen Filmerlebnis werden lässt.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: MFA+ FilmDistribtuion e.K., Jess Pinkham, Ben Richardson
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Beasts Of The Southern Wild
Genre: Fantasy
Freigabealter: 12
Verleih: MFA / Filmagentinnen
Laufzeit: 96 Min.