Wenn Patchwork zu zerreißen droht

„Ich habe dich seit Jahren nicht mehr denken gehört“, sagt irgendwann in „Before Midnight“ Jesse (Ethan Hawke), der wunderbarste Langzeitliebhaber der Filmgeschichte, zu seiner hinreißend authentischen Lebensgefährtin Céline (Julie Delpy). Damit spricht er Millionen Zuschauern, die seit nunmehr 18 Jahren gebannt das Liebesglück und Liebesleid von Jesse und Céline auf der Leinwand mitverfolgen, wieder einmal aus dem Herzen. In „Before Sunrise“ trafen sie sich in einem Zug nach Wien und verbrachten spontan eine Nacht miteinander, neun Jahre später haben sie sich in „Before Sunset“ in Paris wiedergefunden. Und wieder vergingen neun Jahre bis das kongeniale Trio – bestehend aus dem Regisseur Richard Linklater und seinen beiden Hauptakteuren – in „Before Midnight“ zeigt, was aus dem romantischsten Liebespaar der Generation X inzwischen geworden ist.

Szene mit Julie Delpy und Ethan Hawke.
Nun, Jesse hat damals also nicht den Flug zurück zu Frau und Kind in die USA genommen, sondern ist in Paris geblieben und hat mit Céline Zwillingsmädchen bekommen. So verabschiedet er in „Before Midnight“ in der herzergreifenden Eröffnungsszene Henry (Seamus Davey-Fitzpatrick), seinen Sohn aus der gescheiterten Ehe, am Flughafen in Griechenland, wo man den Urlaub zusammen verbrachte. Man sieht förmlich wie es Jesse zerreißt, dass er das Aufwachsen Henrys weitgehend verpasst hat. Zurück im Auto bei Céline und den schlafenden Töchtern erzählt er ihr von seinem Kummer, worauf sie – in den verflossenen Jahren noch erschreckend scharfzüngiger geworden – konstatiert: „Wegen solcher Dinge trennen sich die Leute“.

Was nun in mitunter sehr langen Einstellungen folgt, ist nicht weniger als ein kleines Filmwunder, das aufgrund des offensichtlich mit Blut, Schweiß und Tränen geschriebenen Drehbuchs von Linklater, Delpy und Hawke unglaublich authentisch wirkt. Auf der Pressekonferenz der Berlinale 2013, wo der der Film außer Konkurrenz im Wettbewerb lief, wunderte es deshalb niemanden, dass die intelligenten Neckereien zwischen Julie Delpy und Ethan Hawke wie eine Fortsetzung des zuvor gezeigten Films anmuteten.

Szene mit Julie Delpy und Ethan Hawke.
Allerdings ist der Ton im dritten Teil der Reihe merklich galliger geworden. Besonders Céline hadert mit der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, der Opferbereitschaft der Frauen, dem miesen „Küsschen-Küsschen-Titty-Titty-Einlochsex“ und der Selbstgefälligkeit ihres Liebsten, der inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller ist.

An ein paar Urlaubstagen auf dem Peloponnes, der Wiege aller Tragödien, gelingt es den beiden, ihre widerstreitenden Gefühle mal amüsant, mal tieftraurig, immer aber messerscharf derart auf den Punkt zu bringen, dass der gebannt lauschende Zuschauer so manchen Dolchstoß ebenso verspürt. Und dennoch: Da ist noch etwas zwischen den beiden, das sich widerspenstig gegen die unterschiedlichen Lebensvorstellungen, alle Brüche und alle Verletzungen, stemmt. Ach, möge dieses Etwas doch für einen vierten Teil reichen.

Text: Gabriele Summen / Fotos: 2013 Prokino Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Before Midnight
Genre: Komödie
Freigabealter: 6
Verleih: Prokino
Laufzeit: 109 Min.