Spurensuche in Polen

Das ist nun leider doch ein starkes Stück: Da macht sich eine Schauspielerin namens Lena (Anna Stieblich), die in der Lebenskrise steht, auf, um in ihrem Heimatdorf die Mutter zu beerdigen. Sie mietet sich dort bei Julius (Martin Lüttge) ein, einem Mann, mit dem die Mutter in Auschwitz, Oswiecim, aufwuchs. Und dann fasst sie den Entschluss, nach Polen zu fahren und sich auf die Suche nach dem früheren Verhältnis der Mutter zu diesem Freund zu begeben. Das Scheitern einer Jugendliebe hat unmittelbar mit dem Todeslager zu tun, in dem Julius’ Vater Aufseher gewesen ist. – Didi Danquarts Spielfilm „Bittere Kirschen“ könnte von einem Romantiker sein. Er wirkt wie eine Reise ins Innere, er zeigt eine Selbstfindung – mit Rückblenden, Überschneidungen zeitlicher Ebenen – ein fortlaufendes Vor und Zurück.


Spätestens seit dem unterschätzten deutschen Spielfilm „Am Ende kommen Touristen“ (Robert Thalheim, 2007) ist Auschwitz eben auch eine polnische Stadt, in der man lebt und die sich dagegen wehrt, ausschließlich ein Museum oder gar eine finstere Touristenattraktion zu sein. So fahrlässig wie Didi Danquart in seiner gut gemeinten Romanverfilmung („Lenas Liebe“, von Judith Kuckart) darf man mit Auschwitz dennoch nicht umgehen, auch wenn im Widerspruch zu Adorno auch „nach Auschwitz“ Gedichte (wieder) möglich sind. Es klingt einfach zu blöd, wenn sich Lena bei ihrer Selbstsuche auf eine Reise dorthin begibt, „wo alles angefangen hat“ – und damit die Liebes- und Jugendgeschichte ihrer Mutter meint.

Mit dieser Feststellung könnte man es dann auch schon bewenden lassen, hätte Danquart nicht doch über weite Strecken ein ganz ansehnliches und raffiniert verdröseltes polnisches Roadmovie inszeniert. Die Tristesse des Ostens (viel wurde in Zwickau gedreht!) ist beeindruckend. Da wird die Szenerie zur Seelenlandschaft, so melancholisch und bedrückend sind die Bilder. Leider gelingt es Danquart nicht, die Kompliziertheit des Romans abzuschütteln. Noch einmal verschränkt er die Ebenen aus Gegenwart und Vergangenheit. Es müssen die Lebenden mit den Toten reden, es wird zurückgeblendet auf Teufel komm raus. Dabei wäre das doch auch anders zu vermitteln gewesen, dass die gebrochenen Versprechen der Kindheit, die erzwungene Anpassung, geradewegs in die kollektive Anpassung führen.

Lena setzt gewissermaßen fort, wozu der Jugendfreund, den Martin Lüttge trotz aller Metaphern-Überladenheit dieses Films sehr glaubwürdig spielt, nicht in der Lage war. Lüttge ist die gelebte Provinz, die Enge, aus der es auszubrechen gilt.


Was aber, zum Teufel, hat die Auschwitzfürsorge eines Priesters (Wolfram Koch), der sich in Lena verliebt, mit deren Herkunft zu tun? Da wird die unbeschwerte Struktur eines romantischen Roadmovies dann doch überladen. Auch verliert der Film jeglichen Suspense aus dem Blick. Vor Danquarts Versuch, eine „andere“ Filmsprache zu riskieren, zieht man dann aber doch den Hut. Zu scheitern ist auch in diesem Fall mehr wert, als einfach im sicheren Hafen zu bleiben.

Text: Wilfried Geldner /
Fotos: Filmlichter / 2010 Noir Filmproduktion / E. L. Steingroever
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Filmlichter
Laufzeit: 111 Min.