In der Dunkelheit blüht Jasmin

„Man lügt, weil das Leben einfach nicht so großartig ist“, sagte US-Comedian Louis C.K. in einem Interview kürzlich. Er spielt einen der Charaktere in Woody Allens „Blue Jasmine“, jemanden, der „diese typische dunkle Geschichte im Leben einer Frau ist“. Der derzeit angesehenste Stand-Up-Comedian der USA hat nur einen kurzen Auftritt im Film, doch er wiederholt in seiner Radikalität nur noch mal das Grundthema des Films: Lügen fügt dem eigenen Leben eine neue, spannende Dimension zu. Aber auch eine gefährliche, eine alles konsumierende.

Am Boden, aber mit Stil: Nach dem Verlust ihres Vermögens, zieht Jasmine (Cate Blanchett, rechts) zu ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins) nach San Francisco.

 

Jasmine (Cate Blanchett) hieß eigentlich mal Jeanette. Doch ihren alten Namen mag sie nicht. Ihre Adoptiveltern nannten sie so. Jasmine aber erinnert an Nachtjasmin, findet sie. Ein Gewächs, das in der Nacht blüht, sich der Dunkelheit näher, in ihr wohler fühlt.

 

Jasmine hatte viel Glück. Ihr Ehemann Hal (Alec Baldwin) führte die blonde Schönheit in die High Society New Yorks ein. Sie schmiss glamouröse Partys, während er mit Finanzgeschäften ein Vermögen anhäufte. Alles lief gut, bis das FBI anklopfte. Hal erwirtschaftete sein Geld nicht ganz ehrlich.

Ginger (Sally Hawkins) trifft auf einer Party den schüchternen, sympathischen Al (Louis C.K.). Sie glaubt, in ihm endlich den richtigen Mann getroffen zu haben.

 

In New York hält es Jasmine daraufhin nicht mehr aus. Sie fliegt nach San Francisco zu ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins). Die rät ihr, sich einen Job zu suchen. Doch arbeiten ist anstrengend, das Leben ist anstrengend, die Vergangenheit kriecht aus dem Dunkeln.

 

Jasmine kämpft mit ihren Erinnerungen. Sie steht plötzlich auf der Straße, spricht Worte einer vergangenen Zeit ins Leere. Lügen sind eine fiese Droge, Jasmine hat schon zu oft etwas Falsches gesagt, etwas Unwahres gehört, etwas sich schlecht Anfühlendes ignoriert. Antidepressiva können nicht heilen, nur aufschieben. Das Unglück kommt unweigerlich zu denen, die es rufen.

Dwight (Peter Sarsgaard) ist Diplomat. Jasmine und er verlieben sich, er will sie mit nach Wien nehmen und in die dortige High Society einführen. Doch Jasmine kann ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen.

 

Sieht man Cate Blanchett als Jasmine zittern, verkrampft lächeln, mit gebrochener Stimme reden, wird man zum Mittäter. Soll sie doch fies sein, soll sie lügen, soll sie eben das sagen, was jeder nur denkt! So sehr wünscht man ihr das alte Leben zurück. Dabei wurde das von Woody Allen gar plump überzogen pompös inszeniert. Geschmacklos, ohne Stil residierte Jasmine in Manhattan. Diese Episoden aus Jasmines Vergangenheit fügt Allen ohne Ansage in den Film ein. Eben noch in San Francisco schneidet er umgehend in die Vergangenheit nach New York. So wie Erinnerungen nun mal funktionieren: Plötzlich überkommen sie einen.

Jasmine (Cate Blanchett) hatte Glück. Ihr Ehemann Hal (Alec Baldwin) führte die blonde Schönheit in die High Society New Yorks ein.

 

Die psychisch und physisch so erschöpfend gute Darstellung von Cate Blanchett ist umwerfend. Ab der ersten Szene wartet man nur darauf, dass Jasmine in tausend Stücke zerbricht und hofft und bangt, dass es nie passieren möge. Eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin scheint sicher. Auch und vor allem wegen Cate Blanchett ist „Blue Jasmine“ eine Wucht.

 

Und trotz dieser One-Woman-Show weiß Woody Allen wieder einmal, sein hochkarätiges Ensemble in Szene zu setzen. Alec Baldwin („30 Rock“, „To Rome With Love“) spielt zwar prinzipiell nur Alec Baldwin, aber darüber kann man sich kaum beschweren. Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“) vermag es, ihrer Ginger trotz der vielen erlebten Rückschläge eine so verzeihende, starke Note zu verleihen, dass sie der alles überschattenden Cate Blanchett ein starker Gegenpol ist.

Blue Jasmine

 

Und selbst Louis C.K., der von sich behauptet, nicht der beste Schauspieler zu sein, bringt in seinem kurzen Auftritt einen solch sympathisch-liebenswürdigen Lügner zum Vorschein, dass ihm eine eigene Geschichte gewidmet werden sollte. Vielleicht wird’s ja beim 50. Film Woody Allens was: Den 49. drehte der Filmemacher bereits in diesem Sommer in Südfrankreich ab. „Magic in the Moonlight“ soll er heißen.

Text: Sebastian Srb/ Fotos: 2013 Warner Bros. Ent.
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Blue Jasmine
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Warner
Laufzeit: 98 Min.