Wüste der toten Fische

Wenn etwas misslingt, ein Vorhaben scheitert, sind die Kameras meistens aus – oder sie schnappen deprimierende Bilder auf, die von Versagen berichten und das Gegenteil von Glamour ausleuchten, was auch immer das Wort dafür sei. Alma Har’el, eine Videokünstlerin, präsentiert mit „Bombay Beach“ ihren ersten Dokumentarfilm. Der Saltonsee war Urlaubsstätte für Reiche, ein See in der Wüste Colorados. Das gefällt. Heute leben dort die Menschen, über die Amerika generell gerne den Mantel des Schweigens legt.


Da ist Red, ein alter Mann mit Beinen bis zum Himmel, hager, mit glasigen Augen. Ganz sicher hat er schon alles gesehen. Er vertickt Zigaretten, einzeln, um sein Einkommen aufzubessern. Auch Benny wohnt mit seiner Familie dort, wo mal Strand war. Das Jugendamt ist eine ständige Bedrohung, aber die Mutter glaubt daran, dass die Gefahr vorbei ist, schließlich ist ihre Wohnung jetzt sauberer als früher. Der hyperaktive Sechsjährige nimmt viele Medikamente, die seine Stimmungen allerdings nicht ausgleichen. Hört man die Weisheit des Seniors und blickt in das verzweifelte Gesicht des Juniors, ist Gänsehaut das Mindeste. Vielleicht bricht das Herz, wenn schon im Vorspann von Liebe die Rede ist. Denn die Worte von Red passen perfekt zu den Impressionen aus dem verlorenen, verarmten Landstrich.

Der Genrebegriff Dokumentation will nicht recht passen auf diesen Film: Denn „Bombay Beach“ ist zu schön. Die Szenen werden aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen, und doch agieren die Menschen, als wäre keine Kamera da. Wen das irritiert, weil das kein Dokumentieren ist, der wird Har’els Arbeit als Fake empfinden. Doch wer sich ihrer Art zu filmen ergibt, wird fühlen lernen. Die in Tel Aviv geborene Künstlerin präsentiert das Leben. Ein großer Satz, dem sie jedoch gerecht wird. Sie bleibt dort stehen, wo andere weitergehen. Sie blickt den Menschen ins Gesicht, nicht nur für einen Moment. Sie bleibt, um den Augenblick zu erleben, der zählt. In der Summe wirkt das dann wie ein Videoclip, wie das Leben als Kunstform.


Die Landschaft bietet sich an für Sozialromantik. Allein das Licht ist unbeschreiblich. Der Sonnenuntergang lässt die toten Fische am Strand vergessen. Doch Har’el sorgt dafür, dass die Bilder nicht die tanzende Unterschicht zeigen, sondern viel mehr. Die Filmemacherin wollte nicht die Geheimnisse ihrer Protagonisten stehlen, sie heimlich in Bilder verpacken. Sie wollte zusammen mit ihnen agieren. Daher gibt es die inszenierten Aufnahmen, die Traumsequenzen. Dazu kommt eine hohe Informationsdichte, die in beeindruckenden Bildern präsentiert wird.

Untermalt vom melancholischen Trompeten-Folk der Band Beirut oder gleich von Bob Dylan, wurde der Film bei der Berlinale und beim Tribeca Film Festival ausgezeichnet. Die Israelin hat sichergestellt, dass „Bombay Beach“ eine Sogwirkung entfaltet und den Zuschauer mit widersprüchlichen Gefühlen zurücklässt: Empathie, Traurigkeit und fast ein bisschen Neid auf die Menschen, die ganz schön zusammenhalten, dort in der Wüste der toten Fische.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Rapid Eye Movies
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Bombay Beach
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6
Verleih: Rapid Eye Movies
Laufzeit: 75 Min.