Alles auf Anfang

Noémie Lvovsky hat eine Schwäche für große Gefühle. Emotionales Chaos, das ist irgendwie ihr Ding. Schon in ihrem ersten Film „Oublie moi“ (1994), mit einer betörend verstörten Valeria Bruni-Tedeschi in der Hauptrolle, ging es um tiefe Verzweiflung am Leben und vor allem: an der Liebe. Auch in ihrem aktuellen Werk „Camille – Verliebt nochmal“, in dem die Regisseurin erstmals auch vor der Kamera steht, ist die Hauptfigur zunächst ein emotionales Wrack. Es geht hier aber um viel mehr, um ein großes Thema nämlich: um die alte Sehnsucht, dem eigenen Schicksal zu entkommen, auf dass alles besser werde. Ein frommer Wunsch und doch ein idealer Stoff für eine sentimentale Komödie …

Szene mit Noémie Lvovsky.
Camille (Noémie Lvovsky) hat ihr Leben eigentlich schon gelebt. Sie ist Anfang 40, ihre Karriere als Schauspielerin dümpelt so vor sich hin, außerdem trinkt sie zu viel. Ihr Mann Eric (Samir Guesmi) will sie nach 25 Jahren Ehe verlassen. Und die Tochter macht inzwischen ihr eigenes Ding. Nicht die besten Aussichten für einen gelungenen Silvesterabend. Aber Camille geht trotzdem aus, wird pünktlich um Mitternacht bewusstlos – und findet sich am Morgen danach im Krankenhaus wieder: als 15-jähriges Mädchen, dem die Welt noch offen steht. Vorausgesetzt, man trifft die richtigen Entscheidungen.

Camille lebt also plötzlich wieder im Haus ihrer Eltern (Yolande Moreau und Michel Vuillermoz), alles ist in bester Ordnung. Nur dass Camille die Lebenserfahrung einer 40-Jährigen hat, auch wenn sie optisch und physisch mitten in der Pubertät steckt. Camille weiß allzu gut, was das Schicksal für sie bereithält, und will es unbedingt besser machen. Sie will herausfinden, was eigentlich schiefgelaufen ist im Laufe ihres Lebens. Ob alles nur die Summe ihrer Entscheidungen war oder schlicht: unausweichliches Schicksal. Camille wird erneut Eric begegnen, der Liebe ihres Lebens. Der Versuch, ihm aus dem Weg zu gehen, wird natürlich scheitern …

Szene mit Noémie Lvovsky und Samir Guesmi.
„Camille – verliebt nochmal“ ist eine wehmütige Zeitreise in die 80er-Jahre. Das Thema ist nicht neu: Francis Ford Coppola hat 1986 beispielsweise in „Peggy Sue hat geheiratet“ eine ziemlich ähnliche Geschichte erzählt, nämlich die der Hausfrau und Mutter Peggy Sue (bravourös gespielt von Kathleen Turner), die bei einem Klassentreffen kollabiert und in ihre Jugend in den 60-ern zurückkehrt, um alte Fehler korrigieren. Noémie Lvovskys Version ist natürlich durch und durch französisch, besetzt mit einem mehr oder weniger bekannten französischen Cast (darunter der geniale Mathieu Amalric als Lehrer). Lvovsky selbst spielt ihre Heldin sentimental und überaus komisch, dabei nicht frei von pubertären Peinlichkeiten, und all das untermalt von einem stimmigen 80er-Jahre-Soundtrack.

Die Botschaft, die dieser unprätentiöse und persönliche Film vermitteln will, kommt dabei ganz ohne moralischen Zeigefinger aus. Vielmehr geht es darum, die Jugend zu feiern, wieder zu lernen im Moment zu leben und die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Das macht Lvovskys Film zu einem lebensklugen Essay, das teilweise bewegt und nachdenklich stimmt. Einer schönsten Momente des Films ist, wenn Camille mit dem Tonband enthusiastisch die Stimmen ihrer geliebten Eltern aufnimmt. Weil sie weiß, sie werden bald nicht mehr sein. Und doch, geht das Leben weiter.

Wie sagte doch Woody Allen einst so treffend: „Ob tragisch oder komisch – entscheidend ist, wie wir die Dinge betrachten.“ Diese Einsicht ist es, die auch für Camille alles verändern wird.

Text: Heidi Reutter / Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Movienet
Laufzeit: 115 Min.