Shakespeare für Schwerverbrecher

Über 80 Jahre sind die Brüder Taviani inzwischen alt. Seit einem halben Jahrhundert machen die beiden Filme. Zu ihren größten Erfolgen gehören „Mein Vater, mein Herr“, der 1977 mit der Goldenen Palme prämiert wurde, oder „Die Nacht von San Lorenzo“ (1982). Was ihre Filme auszeichnet, ist ein schnöder Realismus, sardonische Protagonisten, eine reduzierte Ästhetik. Und natürlich: die Auseinandersetzung mit sozialen und politischen Fragen, einhergehend mit einem Faible für Außenseiter. In ihrem jüngsten Werk, dem Dokumentarfilm „Cäsar muss sterben“, blicken die Regieveteranen hinter Gefängnismauern und beobachten Inhaftierte, die Shakespeares „Julius Caesar“ einstudieren. Ein spannendes, bisweilen erdrückendes Experiment.


Der Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia bietet die Kulisse für dieses hochtheatralische Event. Die Akteure sind Verbrecher, allesamt: Mafiosi, Mörder, Drogenhändler. Manche von ihnen sind verurteilt zu lebenslangen Haftstrafen. Es ist ein ewig tristes Dasein, das sie in ihren düsteren Zellen fristen. Die Einsamkeit und Monotonie hängen bleiern über ihrem routinierten Alltag. Nur das Theaterprojekt verspricht die ersehnte Ablenkung. Ausgerechnet „Julius Caesar“ von Shakespeare, ein wuchtiges, wortgewaltiges Drama über Mord, Tyrannei und Verschwörung, sollen die Häftlinge einstudieren – gleichwohl auf Wunsch der Filmemacher, die auch den Theaterregisseur Fabio Cavalli benennen.

Schon beim Casting offenbart sich die überraschende Begabung der Laiendarsteller, deren Spiel eine authentische, intensive Emotionalität entwickelt. Die Proben finden in den Gefängniszellen, während des Hofgangs oder in anderen Bereichen des Hochsicherheitstrakts statt. Plötzlich ist alles Theater: Die Schwerverbrecher rezitieren pausenlos; das Stück und die Proben werden geradezu zur Obsession.

Gedreht wird überwiegend in Schwarzweiß. Etwa der Anfang des Films, wenn das Stück vor Publikum aufgeführt wird, oder gegen Ende, wenn erneut ein Teil der Premiere zu sehen ist, entschieden sich die Filmemacher für Farbe. So wirkt der monothematische Film, konzipiert als raffiniertes Drama im doppelten Sinne, streckenweise sehr erdrückend. Große Momente sind jene, in denen sich Realität, die Verbrecher mit ihrer persönlichen, tragischen Geschichte, und ihre Rolle innerhalb des dramatischen Stücks miteinander vermischen. Ob sie durch die Auseinandersetzung mit Shakespeare zu besseren Menschen werden, ist eine andere Frage.


Nach der Aufführung, wenn die gefeierten Schauspieler wieder zu Häftlingen werden und hinter die Gefängnistüren zurückkehren, ist jedenfalls nichts mehr wie vorher: „Erst seitdem ich die Kunst kennengelernt habe, erscheint mir meine Zelle wie ein Gefängnis“, sagt einer der Inhaftierten. Theater als Eskapismus: Am Ende ist die Realität brutaler als zuvor.

Diese Erkenntnis mag diesen sehr speziellen Film sehenswert machen, gerade für ein intellektuelles Publikum, das sich nicht scheut, sich auf solche filmischen Experimente einzulassen. Zu denen gehört auch zweifelsfrei die Berlinale-Jury, die „Cäsar muss sterben“ den Goldenen Bären verliehen hat. Allen guten Absichten zum Trotz: Der neueste Film der italienischen Altmeister Taviani bleibt sprödes Randgruppenkino.

Text: Heidi Reutter / Fotos: Camino
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Cesare deve morire
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6
Verleih: Camino
Laufzeit: 76 Min.