Ein Kino für den Frieden

Der Dokumentation „Cinema Jenin“ gehen eine schreckliche und eine schöne Geschichte voraus, die der Regisseur Marcus Vetter 2008 in seiner Doku „Das Herz von Jenin“ verfilmte. Sie handelte von dem elfjährigen Palästinenser Ahmed Khatib, der im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin von israelischen Soldaten erschossen wurde, als er mit einem Plastikgewehr auf der Straße spielte. Sein Vater Ismail Khatib spendete die Organe seines Sohnes für israelische Kinder, um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen. Der Zufall wollte es, dass Khatib und Vetter bei den Dreharbeiten in Jenin ein verfallenes Kino entdeckten, eins von 300, die es in den 50er-Jahren in Palästina gab. Noch einmal beschlossen sie, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Diesmal mit einer bleibenden kulturellen Institution – einem Kino für alle eben.

Den Befürwortern des neuen "Cinema Jenin" stellten sich viele Hindernisse in den Weg,
bis es 2010 endlich zur Wiedereröffnung kam.



Gesagt, getan, denkt man. Über so ein Kino müsste sich doch jeder in der Flüchtlingsstadt Jenin mächtig freuen. Und es gibt zunächst auch glückliche Momente, die alleine für sich schon stehen bleiben. Der schönste von allen ist ohne Zweifel der, wenn der Vorführer des „Cinema Jenin“ den alten Projektor noch einmal anwirft, mit seinen Kohlestäben. Ein metallenes Monster, das eben kein Panzer ist, sondern eine magische Maschine, die den Menschen Glück und Hoffnung bringen soll.

Natürlich fallen einem sofort Filme wie Ettore Scolas „Cinema Paradiso“ ein, Filme, die das alte Kino als Ort eines gemeinsamen, zu Tränen rührenden oder Lachen machenden Erlebnisses feiern. Doch bis es im „Cinema Jenin“ so weit kommen wird, ist es noch ein verdammt steiniger Weg mit schier aberwitzigen Hindernissen. Vetter, der Dokumentarist, der selber mit Mittelpunkt der Handlung steht, versucht die Hürden mit Witz, Galgenhumor, aber auch mancherlei Aktionismus zu umgehen.

Das fängt damit an, dass er mit seinem palästinensischen Freund auf der Überholspur die lange Schlange der wartenden Palästinenser vor dem Checkpoint umgeht, dass er mit ihm später einfach 40 reiche Familien aus dem Telefonbuch herauspickt, um sie um Unterstützung zu bitten. Vor allem prescht der Agent Provocateur einer guten Sache weit vor, wenn es darum geht, träge Behörden und gewinnsüchtige Vorbesitzer zu gewinnen. Immer wieder werden die trickreich vor vollendete Tatsachen gestellt. Die gerechte Versöhnung ist alles, Geldgier zählt nicht, es geht schließlich um den einen Ort, an dem es sich – aller Schwierigkeiten und blutigen Voraussetzungen bewusst – gemeinsam denken und handeln lässt.

Alles andere als ein Flüchtlingslager: Jenin im israelisch besetzten Westjordanland ist
nicht einfach ein Flüchtlingslager - sondern eine lebendige Stadt.



Es gibt Bedenkenträger ohnegleichen und auf beiden Seiten in diesem Film – vom Israeli, der zwar das Kino will, aber eben keine kopflose Versöhnung, bis hin zum palästinensischen Hamas-Anhänger, der auch bei der Eröffnung des Kinos noch seine Waffe tragen will. Dem gegenüber stehen Botschafter, die palästinensische Kulturministerin und am Ende gar der palästinensische Ministerpräsident, die alle einen gerechten Frieden wollen und für Erste immerhin einen hoffentlich magischen Ort des Friedens erhalten.

Ein bisschen zu euphorisch und inszeniert wirkt die Eröffnung des Kinos etwa vier Jahren nach dem Entschluss. Eine Zeit, in die israelische Bombenangriffe fielen und sogar der Initiator eines dem Kino verbundenen Theaters im Kugelhagel starb. Das wird im Film mittels Insert ein bisschen zu lapidar vermeldet. Viele Personen bleiben dem Zuschauer notgedrungen fremd. Aber alles in allem ist „Cinema Jenin“ doch ein notgedrungen wildes Stück Cinema direct, das seine unabweisbaren Stärken in der unmittelbaren Nähe zum Leben der Palästinenser in den besetzten Gebieten hat.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Senator Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Start: 28.06.
Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Cinema Jenin
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 6
Verleih: Senator
Laufzeit: 99 Min.