Außergewöhnlich. Aber …

„Cloud Atlas“ ist eine außergewöhnliche Produktion. Das steht fest, bevor im Kinosaal überhaupt das Licht gelöscht wird: Ein Film, an dem drei namhafte Regisseure aus verschiedenen Ländern gleichberechtigt arbeiteten. Der mit einem Budget von angeblich 100 Millionen US-Dollar die teuerste deutsche Ko-Produktion aller Zeiten sein dürfte. Der aus sechs Geschichten besteht, die in komplett verschiedenen Epochen spielen. In dem eine Vielzahl hochkarätiger Schauspieler eine noch viel größere Zahl Rollen übernimmt. Ein Film, der nicht der Mode folgend in mehrere Filme aufgeteilt wurde, obwohl die zugehörige Romanvorlage von David Mitchell fast doppelt so umfangreich ist wie Tolkiens „Hobbit“. Ja, das ist schon etwas Besonderes. Nur … reicht das aus?


Bereits die Struktur, die David Mitchell für seinen Roman wählte, war gewagt: Der Autor begann mit einer Geschichte, erzählte sie etwa bis zur Hälfte und fing dann mit einer anderen an. Nur die sechste ließ er in einem Stück und löste nach deren Ende auch die anderen schön der Reihe nach auf – bis schließlich die abgeschlossen wurde, mit der er einstieg.

So lernt man nach und nach kennen: Einen jungen Anwalt (im Film: Jim Sturgess), der 1849 an Bord eines Schiffes seine Ansichten über die Sklaverei überdenken muss. Einen aufstrebenden Komponisten (Ben Wishaw), den der Weg zum Ruhm 1936 in das Haus eines alternden Musikgenies führt. Eine Journalistin (Halle Berry), die 1973 auf eine Verschwörung der Energie-Industrie stößt. Einen alten Verleger (Jim Broadbent), der im Jahr 2012 die Flucht aus einem Altersheim plant. Eine geklonte Kellnerin (Doona Bae), die im Jahr 2144 ihren eigenen Willen entdeckt. Und schließlich einen Ziegenhirten (Tom Hanks), der in der postapokalyptischen Welt von 2346 seine Feigheit überwinden muss.

Tom Tykwer („Das Parfüm“) und die Geschwister Lana und Andy Wachowski („Matrix“) wählten in ihrer Adaption einen anderen Weg der Handlungsführung, einen nicht weniger anspruchsvollen: Sie erzählen alle sechs Episoden parallel, zersplitterten sie aber vollständig in kleine, kleinere und winzige Fragmente, die dann mit unzähligen Schnitten zu einem bunt durchmischten, genreübergreifenden Ganzen zusammengefügt wurden.

Durch die bruchstückhafte Erzählweise dauert es eine ganze Weile, bis man einen Zugang zu den einzelnen Figuren findet. Andererseits hat die Mosaiktechnik den Vorteil, dass der Zuschauer bei weitem nicht so lang im Unklaren über das Schicksal einer Figur bleibt wie zuvor der Leser – und die Regisseure dennoch nicht auf Cliffhanger verzichten müssen. Durch die Reihungen ähnlicher Sequenzen lassen sich zudem gemeinsame Motive sichtbar machen, durch Überblenden und Detailaufnahmen Berührungspunkte der räumlich, zeitlich und gestalterisch sonst eindeutig getrennten Handlungen aufdecken.


Jede der sechs Geschichten kommt früher oder später an den Punkt, an dem sie den Zuschauer gefangen nimmt. Am aufregendsten ist „Cloud Atlas“ allerdings, wenn Tykwer und die Wachowskis die Zukunft visualisieren: Mit bunten Farben und düsteren Gedanken bilden sie die hochtechnologisierte, dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft des Jahres 2144 ab. Eine Zeit, in der sich ganze Häuser auf Knopfdruck gestalten lassen und Angestellte produziert statt rekrutiert werden. Knapp 200 Jahre später hingegen gleicht das, was von der Menschheit übrig geblieben ist, einer Horde Wilder, die mit primitiv wirkenden Sätzen nur über das „Clever der Alten“ staunen kann.

Ausgiebig ließe sich allein schon über diese beiden Szenarien grübeln – wenn man nur die Gelegenheit hätte. Obwohl „Cloud Atlas“ beachtliche 172 Minuten dauert, scheint das doch zu wenig Zeit, die schiere Masse an Informationen zu verarbeiten. Die sechs Einzelgeschichten werden zwar verständlich zu Ende gebracht. Doch auch nur alle Figuren zu erfassen, die die teilweise bis zur Unkenntlichkeit maskierten Schauspieler in ihnen verkörpern, scheint beim einmaligen Sehen ein Ding der Unmöglichkeit: Sämtliche Hauptdarsteller schlüpften in je fünf bis sechs Rollen; Hugh Grant, Hugo Weaving und Susan Sarandon bekamen als Nebendarsteller ähnlich viele Charaktere ab.

Wie soll man sich von diesem Suchspiel auf der Leinwand so weit losreißen, um die philosophischen Worte aus dem Off nicht nur wahrnehmen, sondern wirklich hören zu können? Um den Überlegungen zu Wiederkehr, Verbundenheit und das große Ganze die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen würden? Um bloße Phrasen in eigene Gedanken weiterzuentwickeln? Letztlich können nur die Figuren aus ihrem Handeln Lehren ziehen. Dem Zuschauer hingegen bleibt nur die Überwältigung – nicht mehr und nicht weniger.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: X Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Cloud Atlas
Genre: Fantasy
Freigabealter: 12
Verleih: X Verleih
Laufzeit: 172 Min.