Dinner mit dem Killer

The same procedure as every year? Nicht beim Thanksgiving-Dinner der Familie Mills irgendwo in der verschneiten Weite von Michigan. Gerade aus dem Knast entlassen, sitzt der einst bei Olympia boxende Sohn Jay (Charlie Hunnam) nach Jahren mal wieder am Familientisch. An seiner Seite seine neue Zufallsbekanntschaft Liza (Olivia Wilde). Papa Chet (Kris Kristofferson) hat herrlichen Wein ausgeschenkt, Mutter June (Sissy Spacek) einen wunderbaren Braten zubereitet. Deputy Sheriff Hanna Becker (Kate Mara) ist als Freundin der Familie mit von der Partie. Doch die so Versammelten bilden im US-Thriller „Cold Blood – Kein Ausweg. Keine Gnade.“ eine Zwangsgemeinschaft: Außer Liza sind sie an ihren Stuhl gefesselt …


Denn auch Lizas Bruder Addison (Eric Bana) wollte sich das Essen nicht entgehen lassen. Der Casino-Räuber hat schon ein paar Menschenleben auf dem Gewissen und demütigt die übrigen Anwesenden mit vorgehaltener Pumpgun. Als Einziger lässt er es sich richtig schmecken. Seine perverse Version eines gemütlichen amerikanischen Familienfestes wird für die anderen zum furchtbaren Albtraum.

Vielleicht hätte der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky mit diesem Tableau des Schreckens beginnen sollen. Im Schneideraum wäre seine verwegene Mischung aus Film noir und Western von den Cuttern Arthur Tarnowski und Dan Zimmerman noch zu retten gewesen. Wäre die Geschichte von hinten nach vorn aufgerollt worden, hätte die Empfindung der Ausweglosigkeit die schwache schauspielerische Leistung der jüngeren Mimen und die plattitüdenhaften Dialoge aus der Feder von Zach Dean gut verdeckt. Besser jedenfalls als es die Mengen von Blut vermögen, die den Schnee rot färben müssen, oder die unplausibel inszenierten Verfolgungsjagden mit Schneescootern.

„Cold Blood – Kein Ausweg. Keine Gnade.“ setzt mit einem geplatzten Coup ein. Mitten in der winterlichen Ödnis verunglückt das Auto einer Bande von Casinoräubern. Der Fahrer ist tot, der Wagen hinüber. Das Geschwisterpaar Addison und Liza teilt die Beute und will sich, verfolgt von der Polizei, getrennt zur kanadischen Grenze durchschlagen. Völlig durchgefroren von der Eiseskälte steigt Liza zu Jay, der auf dem Weg zu seinen Eltern ist, in den Pickup. Der Zuschauer aber steigt bald aus. Allzu angestrengt ist Olivia Wildes Verführungsmasche mit den medusenhaft aufgerissenen eisblauen Augen, allzu komisch die Wipp-Sex-Nummer der beiden im Motel und einfach sehr albern ihre plötzliche Liebes-Idylle mit rührigem Schneemannbauen.


Auf den Mann, dessen psychopathische Bosheit den Film tragen soll, ist ebenfalls kein Verlass. Halbwegs effektvoll mordet sich Eric Bana als Addison durch die Wildnis – mit Polizisten, einem Indianer und einem Farmer, der seine Familie tyrannisiert, als Opfern. Den Schmerz über einen abgeschnittenen Finger erträgt er martialisch, aber sobald er anfängt zu reden, klingt er wie eine Karikatur von John Wayne. In der Thanksgiving-Sequenz sollte er eigentlich den anderen mit satanischer Eloquenz und abartigen Gedanken einheizen. Doch das Feuer des Wahns leuchtet nur sehr matt durch Banas weiche Züge. Schmerzlich vermisst man die legendäre Diabolik eines Dennis Hopper („Speed“, „Blue Velvet“).

Mit den Erfolgen der „Anatomie“-Horrorthriller (2000 und 2003) und dem Oscar für das KZ-Drama „Die Fälscher“ (2008) im Gepäck wollte Ruzowitzky Hollywood erobern. Im Wilden Westen hat er sich nun verirrt. Dabei hat „Cold Blood“ durchaus etwas zu erzählen, nämlich vom Aufbegehren gegen herrschsüchtige und zerstörerische Väter. Doch während der Konflikt zwischen einer Nebenfigur und deren Vater ganz passabel gespielt wird, gibt es das viel relevantere Vater-Trauma von Liza und Addison nur als mündlichen Bericht. Darin liegt die Crux des Films: Das, worauf es ankommt, um mitreißend zu sein, vermag er mit seinen Mitteln und Darstellern nicht zu zeigen.

Text: Andreas Günther / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Deadfall
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 94 Min.