Die Qual der Damenwahl

Am Ende hatten sie ihre Libertin-Rollen womöglich etwas zu sehr verinnerlicht. Im Vollrausch, so war vor rund zwei Jahren zu lesen, hatten sich Pete Doherty und August Diehl nach Drehschluss am Schaufenster eines Musikladens in Regensburg zu schaffen gemacht. Glas ging zu Bruch, eine Schallplatte und eine Gitarre wurden kolportiertermaßen entwendet. Der Vorfall war naturgemäß ein Fest für die Boulevardpresse, die sich für die fertige Arbeit von Regisseurin Sylvie Verheyde allerdings weit weniger interessieren dürfte. „Confession“ ist ein stolzer, spröder Kunstfilm, in dem der als „Skandalrocker“ einschlägig gewordene Pete Doherty seine erste Kinorolle interpretiert. Das gelingt ihm erstaunlich glaubhaft. Darf man es sagen? Der genialische Problembengel spielt sich hier quasi selbst …

Szene mit Pete Doherty.
Darf man streng genommen natürlich nicht. Schon alleine, weil Dohertys Charakter Octave einer literarischen Vorlage entstammt. „Confession“ ist die sprachgetreue Adaption des 1836 entstandenen Romans „Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen“ von Alfred de Musset. Der französische Romantiker zeichnet aus autobiografischer Perspektive eine verschwendete Jugend nach, die am „mal du siècle“, der „Krankheit des Jahrhunderts“, leidet.

Es geht um die Nachkriegsjahre und die sozialen Folgeschäden der Revolution. Es geht um Exzesse, Rausch, Vielweiberei. Und bei all dem geht es um das Verlangen nach aufrichtiger Liebe im Angesicht ihrer Unmöglichkeit. Wer könnte so eine widersprüchliche Rolle besser tragen als der rauschhafteste, exzessivste und widersprüchlichste Rockstar unserer Zeit, der seine Band einst The Libertines nannte?

Mit nonchalantem Minimalismus geistert Pete Doherty als trübsinniger Libertin durch fahle Kinobilder. Octave ist ein junger Parisien (gedreht wurden die Paris-Szenen aus Kostengründen in Regensburg) von wohlhabender Abkunft und hehren Idealen. Die Treulosigkeit seiner Geliebten Elise (Lily Cole) endet im Pistolenduell mit den Nebenbuhler, in dem der Gehörnte unterliegt. Angeschossen an Leib und Seele gibt er sich fortan ganz dem Müßiggang und den Einflüsterungen seines hedonistischen Freundes Desgenais (August Diehl) hin. Orgien mit Opium und Kurtisanen – das volle Programm. Dann aber verschlägt es den Desillusionierten auf den Landsitz des verstorbenen Vaters, wo er sogleich in Liebe zu einer schönen, aber scheuen Witwe namens Brigitte (Charlotte Gainsbourg) entbrennt.

Szene mit August Diehl.
Mit quälender Ausdauer lässt Sylvie Verheyde („Stella“, 2008) die Alleinstehende dem Werben des jüngeren Galans widerstehen, bis das Eis endlich bricht und sich neue, nicht minder quälende Aporien auftun. Ist die Liebe gut, ist sie schlecht? Verlasse ich dich, verlasse ich dich nicht? So geht das schier endlos. „Confession“, das muss einem bewusst sein, ist kein Kostüm- und schon gar kein Unterhaltungsfilm, sondern hat trotz vieler expliziter Sexszenen die widerspenstige Form eines kulturtheoretischen Diskurses. Mithin eine Art Kino, das es heute fast nicht mehr gibt und das folglich kaum mehr jemand gewohnt ist.

So ist es zu erklären, dass es nach der Festivalpremiere 2012 in Cannes für den Film und seinen Laien-Hauptdarsteller im Besonderen viel hämische Kritik gab. Anstrengend ist dieses melancholische Leinwandmantra ohne Frage. Aber das sollte man zwischen der ganzen Blockbusterüberzuckerung schon auch mal aushalten können.

Text: Jens Szameit / Fotos: Farbfilm Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Laufzeit: 120 Min.