Wie in Watte

Finanzkrise? Campierende Kapitalismusgegner auf den Straßen? Zum Erscheinungstermin 2003 las sich Don DeLillos Roman „Cosmopolis“ noch wie eine ferne Zukunftsvision. David Cronenbergs gleichnamiger Film wirkt dagegen wie ein Kommentar zur Gegenwart. Dabei will der kanadische Regisseur gar nicht politisch sein. Er siedelt die Geschichte in einer nicht allzu fernen Zukunft an, in einem New York, in dem ein junger Milliardär (Robert Pattinson) seine Finanzgeschäfte aus einer weißen Hightech-Stretchlimousine lenkt. Abgeschieden von der wirklichen Welt und nur mit einem Ziel: An diesem Tag so schnell wie möglich einen Haarschnitt bei seinem Lieblingsfrisör am anderen Ende der Stadt zu bekommen.

Außerhalb der Limousine fühlt sich Eric (Robert Pattinson) unwohl.


Die Limousine ist gleichzeitig Eric Packers (Robert Pattinson) Thron und Gefängnis. Während er vom Rücksitz aus vor funkelnden Bildschirmen den Finanzmarkt beherrscht, sieht er die Außenwelt, die Passanten, die Demonstranten, Reichtum und Armut schallisoliert vorbeiziehen. Eine klaustrophobische Atmosphäre herrscht in dem Wagen, in den jeden Tag auch ein Arzt steigt, um unter anderem Packers asymmetrische Prostata zu checken. Ein Stück verstörende Körperlichkeit in einer abstrakten Welt.

Die Stadt vor der Limousine ist kurz vor dem Kollaps. Straßen sind wegen des Präsidentenbesuchs gesperrt und gewalttätige Globalisierungsgegner unterstreichen ihren Protest mit toten Ratten. Doch Packer wirkt abgeschnitten von dieser Realität und schafft sich seine eigene. Ob schneller Sex, bei dem er passiv bleibt (irritierend: Juliette Binoche als seine ältere Gespielin), Fachsimpelei mit Finanz- und Computernerds oder die philosophische Analyse der gesellschaftlichen Gesamtsituation mit einer intellektuellen Fachfrau (Samantha Morton) – Packer muss nie seine schützende Festung verlassen. Nur seine Ehefrau (Sarah Gadon) fordert ihn zu einem Treffen außerhalb, in einem Café auf.

Die meiste Zeit wird geredet: David Cronenberg begeisterte sich so für die Worte des Autors Don DeLillo, dass er die für ihn perfekten Dialoge fast ohne Änderungen übernahm und das Drehbuch in sechs Tagen schrieb. Die geschliffene Sprache mit ihren komischen, besserwisserischen und philosophischen Sätzen überzeugt tatsächlich – enttäuscht werden dagegen alle, die erneut eine Gewaltorgie à la „A History Of Violence“ von Cronenberg erwarten. Die Welt stürzt hier zwar tatsächlich in den Abgrund, aber sie tut es wie in Watte gepackt.

Seine Frau (Sarah Gadon) kann Eric (Sarah Gadon) nur noch selten beeindrucken.


Cronenberg umgeht mit „Cosmopolis“ konventionelle Thrillermuster. Packers moralische wie emotionale Abgründe werden vorgeführt und entladen sich im Aufgeilen an riskanten Termingeschäften, emotionslosem Sex sowie in einer beiläufigen Exekutionsszene. Alles steuert dabei auf den Höhepunkt hin, als Packer beschließt, die Kontrolle aufzugeben, um selbst frei zu sein. In einem alten verlassenen Industriegebäude kommt es zum Showdown zwischen ihm und einem Mann (Paul Giamatti), der es auf sein Leben abgesehen hat.

In diesem Rededuell zeigt Cronenberg sein ganzes Können, hält die Kamera in Bewegung, um Spannung zu erzeugen und variiert mit der Montage das Tempo. „Twilight“-Star Robert Pattinson macht als Schauspieler hier zwar nichts falsch, aber so richtig gelingt es ihm auch nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was leider auch auf den Film insgesamt zutrifft. Cronenberg will DeLillos-Ideen für sich selbst sprechen lassen und vermittelt dabei den Eindruck, selbst nicht viel dazu zu sagen zu haben.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Falcom / Caitlin Cronenberg
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Cosmopolis
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Falcom (24 Bilder)
Laufzeit: 112 Min.