Immer, wenn er Pillen nahm

Kein Bock auf Bourne: Als endgültig feststand, dass Matt Damon nach drei erfolgreichen Actionthrillern nicht noch einmal in die Haut des vergesslichen Superagenten Jason Bourne schlüpfen wollte, stand das Studio vor einem Problem. Wie ließe sich die einträgliche Reihe auch ohne ihre Hauptfigur noch fortsetzen? Tony Gilroy, der bereits die Drehbücher der ersten drei Teile (2002, 2004, 2007) geschrieben hatte, fand eine ungewöhnliche Lösung. Ein Sequel? Nur für Anfänger. Ein Prequel? Kann ja jeder. Ein Parallelquel! Darauf muss man erst mal kommen. „Das Bourne Vermächtnis“ spielt tatsächlich parallel zu „Das Bourne Ultimatum“. Die Ereigniskette, die Jason Bourne dort in Gang setzt, betrifft nämlich auch seine Kollegen. Moment mal. Der einsame Wolf hatte Kollegen? Klar: „Bourne war nie der Einzige“, so steht es auf dem Kinoplakat. Er hätte es aber ruhig bleiben können.


Der Neue heißt Aaron Cross (Jeremy Renner) und ist ein echtes High-Tech-Produkt: Ein mittels Medikamenten zur ebenso intelligenten wie erbarmungslosen Kampfmaschine hochgezüchteter Superagent, dessen einzige Schwäche die elende Sucht nach den kleinen Pillen ist, die seine Leistungsfähigkeit erhalten. Abgesehen davon hat der Mann, der Teil eines ominösen Regierungsprogramms ist, ein eher sonniges Gemüt und versucht auch mal, vorschriftsmäßig schweigsame Kollegen zum gemeinsamen Fachsimpeln über den streng geheimen Job zu bewegen.

Doch als Jason Bournes Geschichte öffentlich wird, beschließt der leitende Agent Byer (solide: Edward Norton), das Regierungsprogramm zu beenden – was nun leider auch sämtliche Agenten innerhalb des Programms mit einschließt. Problem allerdings: Cross will sich nicht so einfach ausschalten lassen. Er entgeht dem ersten Anschlag auf sein Leben und taucht unter.

Ohne seine kleinen Pillen allerdings ist er chancenlos, das weiß er selbst. Also kidnappt er kurzerhand die Ärztin, die ihn bisher damit versorgte. Diese Marta Shearing (Rachel Weisz) ist auch gar nicht so unglücklich darüber, denn als Mitwisserin sollte es ihr ebenfalls an den Kragen gehen. Gemeinsam fliehen die beiden um die Welt – stets verfolgt von den Handlangern, die Byer ihnen aus seiner Kommandozentrale schickt. Schade nur, dass die Einzigen, die dabei außer Atem geraten, die beiden sind.

An den Schauspielern, das gleich vorneweg, liegt es nicht, dass die Geschichte eher wie eine Schlaftablette daherkommt als wie ein Aufputschmittel. Jeremy Renner – der hier nach „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ und „Avengers“ übrigens schon die dritte Agentenrolle in kurzer Zeit spielt – macht seine Sache sehr gut, und das unter erschwerten Bedingungen.


Dieser Aaron Cross hat keine mysteriöse Vergangenheit, an der er leidet, sondern er weiß sehr genau, wo er herkommt und wo er eigentlich hin will. Ein ganz normaler Superagent eben, der doch bloß in Frieden leben möchte. Renner begnügt sich allerdings nicht damit, den groben Actionklotz zu geben, obwohl er das durchaus könnte: Viele seiner durchaus beeindruckenden Stunts drehte er selbst. Stattdessen verleiht er der doch eher einfachen Figur viele verschiedene Facetten. Auch Rachel Weisz als verschreckte Ärztin, die sich bis zu diesem Zeitpunkt keine Gedanken über die ethischen Probleme ihrer Arbeit gemacht hat, kann voll und ganz überzeugen. Zudem stimmt auch die Chemie zwischen der hochbezahlten Pillendreherin und dem hochgezüchteten Profi-Spion.

Das Problem liegt vielmehr in der Regie: Als Drehbuchautor Tony Gilroy vom Schreibtisch in den Regiestuhl wechselte, konnte er sich wohl nicht weit genug von seinem eigenen Buch distanzieren, um die nötigen harten Schnitte zu setzen. So kommt ein über zwei Stunden langer Genremix zustande. Es ist nicht ganz klar, ob da ein Agententhriller immer wieder von sinnfreien Actionexplosionen unterbrochen wird, oder ob ein solider Actionreißer ständig durch Erklärphasen und Hinterzimmergespräche gehemmt wird. Nur eines steht fest: Wann immer man sich auf eine Erzählform eingelassen hat, wird sie kurz darauf schon wieder gewechselt. Das wirkt allerdings nicht wie ein raffiniertes Spiel mit den Erwartungen, sondern schlicht und einfach unbeholfen.

In Hollywoods Gerüchteküche heißt es dementsprechend bereits jetzt, dass es wohl keinen weiteren Film der Reihe geben werde – und wenn doch, dann nur mit Damon. Schade um die verschenkte Gelegenheit: Denn Renner hätte es wirklich verdient, dass der Name seiner Figur zumindest mal im Titel auftaucht.

Text: Sabine Metzger / Fotos: Universal Pictures / Mary Cybulski
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: The Bourne Legacy
Genre: Action
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 135 Min.