Nicht Schaf, nicht Schwein

Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu. Diese Weisheit gilt nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch für einen Fischer im Gazastreifen: Ja, Regiedebütant Sylvain Estibal betritt mit seiner Komödie „Das Schwein von Gaza“ gefährliches Terrain – und zwar wunderbar leichtfüßig. Intelligent und ironisch erzählt er von einem unreinen Tier, das eigentlich nur Unglück bringen kann, wenn man alten Weltanschauungen treu bleibt. Der mit dem französischen César ausgezeichnete Film ist ein Juwel, das durch tiefgründigen Witz und hervorragende Hauptdarsteller – zweibeinig wie vierbeinig – seinen besonderen Schliff erhielt.

Essen ja, haben möchte der UN-Beamte (Ulrich Tukur) jedoch kein Schwein.
Auch nicht zum Sonderpreis.



Jafaar (Sasson Gabay) und seine Frau Fatima (Baya Belal) nagen am Hungertuch. Nichts, aber auch gar nichts will dem Fischer gelingen. Erst fängt er einen alten Schuh, dann scheißt ihm ein Vogel auf den Kopf. Jafaar kennt Tage wie diese, doch dieser eine soll noch schlimmer werden: Als er plötzlich ein riesiges Schwein im Netz hat, gerät er in Panik. Schließlich ist das Tier laut Koran unrein! Also schlägt Jafaar ihm auf dem offenen Meer einen Suizid vor, doch die Sau lehnt ab. Und dem deutschen UN-Beamten (Ulrich Tukur) kann er den quicklebendigen Sonntagsbraten auch nicht andrehen.

Zwar finden allem Anschein nach all die, die Schweine verurteilen, sie in Wirklichkeit gar nicht so schlecht – los bekommt der Fischer seinen Fang dennoch nicht. Daher ist Erfindungsreichtum gefragt. Man könnte ja nur Teile des Tieres verkaufen, beispielsweise sein Sperma, und heiligen Boden müsste das Tier nicht berühren, wenn es beispielsweise Socken tragen würde. Und wenn das Tier in ein Schafsfell verpackt wird, gibt es wirklich kein Halten mehr – die vielen reizenden Ideen rühren und amüsieren den Zuschauer.

Mit Sasson Gabay hat Regisseur Estibal einen ausgezeichneten Schauspieler an Bord, einen, der wie gemacht ist für die Rolle des liebenswerten Verlierers, dem man die Daumen drückt. Doch nicht nur der findige Fischer lässt diese Komödie zum Geheimtipp avancieren: Es ist auch das Schwein, ein herrlich eigenwilliger Charakter.

Lässt sich dem Tier mit Gewalt beikommen? Jafaar (Sasson Gabay) übt.


Freilich steigern sich solche Komödien nie langsam, sondern exzessiv. So findet sich Jafaar, nachdem er und das Schwein aufgeflogen sind, in der Rolle des Märtyrers wieder: Sprengstoffbepackt sitzt er vor einer Videokamera, um seinen Bekennertext einzusprechen, was ihm mäßig gelingt. Abgesehen von diesem Ausflug in Slapstick-Gefilde, gefällt der Film, der auf dem Münchner Filmfest seine deutsche Premiere feierte, mit seinem naiv-klugen Blick auf die verfeindeten politischen Lager.

Denn Estibal gestaltet sein Debüt wie eine Fabel, er spielt mit dem Absurden. Doch stets sieht man, worum es dem Filmemacher geht: Der Journalist will Israel und Palästina zum Lachen bringen, er kämpft gegen festgefahrene Denkweisen an, ohne gegen die Wand zu fahren. Aus seinem Wunsch heraus, Dinge zu ändern, entstand dieser Film, den er als „vom Lachen erstickten Wutschrei“ bezeichnet. Dem Franzosen gebührt Anerkennung: Es ist eine hohe Kunst, ein Hängebauchschwein als Friedenstaube einzusetzen.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Alamode Film
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Le cochon de Gaza
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 98 Min.