Vor der Mündung der Geschichte

Ästhetisch ansprechend und medienwirksam mit der Zeitgeschichte zu hadern, gerät allmählich zum selbstverliehenen Qualitätssiegel des deutschen Films und Fernsehens. Dass dabei immer großes Kino entsteht, muss zumindest bei Nina Grosses RAF-Kammerspiel-Drama „Das Wochenende“, das glücklicherweise sehr frei mit dem gleichnamigen Bestseller von Bernhard Schlink umgeht, bezweifelt werden. Trotz großartiger Besetzung und packender Dramaturgie.

Katja Riemann und Tobias Moretti.
Die Vergangenheit droht die tödliche Form eines Projektils anzunehmen. Ausgestattet mit einer alten Waffe, propagiert der Ex-Terrorist Jens Kessler (Sebastian Koch) bei einem Wochenende mit ahnungslosen alten Freunden im Landhaus seiner Schwester Tina (Barbara Auer) nicht nur alte Ideale, sondern versucht auch herauszufinden, wer ihn einst an die Polizei verpfiffen hat. Der Schreck darüber, dass einer sich anmaßt, für seinen vermeintlichen revolutionären Traum noch mehr Blut zu vergießen, fährt gehörig in die Glieder. Nur hätte man aus „Das Wochenende“ gern mehr mitgenommen.

Dass dies möglich gewesen wäre, versprechen zumindest die ersten Minuten, wenn die Literaturagentin Inga (Katja Riemann) den Anruf erhält, dass ihr einstiger Geliebter Jens vorzeitig aus der Haft entlassen wird. Neugierig, aber auch etwas distanziert, ja spöttisch, mustert die Kamera von Benedict Neuenfels die Schickeria-Ladenzeile und das feine Restaurant mit Ingas Literaturveranstaltung, als wäre sie selbst Jens’ Blick auf die Dekadenz der „Angepassten“. Diesen Blick auf die Sichtweise der Freunde treffen zu sehen, wäre aufregend gewesen.

Sebastian Koch
Doch die Konfrontation zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Jens und den „bürgerlichen“ anderen, soll sich allein in hitzigen Diskussionen am Küchentisch des Landhauses austoben. Dass das misslingt, liegt nicht am Ensemble. Eindringlich porträtieren Barbara Auer, Katja Riemann als Inga – in der alte Gefühle für Jens erwachen -, Tobias Moretti als deren distinguierter Ehemann Ulrich und Sylvester Groth als Journalist Henner eine Handvoll Menschen, die im Kopf im Hier und Jetzt leben, deren Körpergedächtnis jedoch von der Angst, den Irrtümern und den verschütteten Begierden aus der Zeit des Terrorismus geprägt ist. Aber den Sätzen, die Nina Grosse ihren Darstellern geschrieben hat, fehlt der Biss, und die Inszenierung verlangt ihnen Wendungen ab, die ihren Figuren die Glaubwürdigkeit rauben.

Nina Grosse mag sich denn weder auf das Kammerspiel-Brodeln noch auf das erotische Interesse von Ingas und Ulrichs Tochter Doro (Elisa Schlott) an Jens verlassen, sondern greift in die Hitchcock-Trickkiste. Aus seinem alten Plattenspieler lässt sie Jens die Teile einer Pistole nehmen und zusammensetzen. Die Waffe in seiner Manteltasche hält fortan in Atem, nicht mehr Gefühle und Überzeugungen. Jens’ und Ingas Sohn Gregor (Robert Gwisdek) darf noch furios die Unmenschlichkeit seines Vaters entlarven, den ein großartiger Sebastian Koch endlich porös und sensibel statt fanatisch gibt. Aber die Zeitgeschichte ist dann längst zum Alibi für ein verkapptes spannendes Fernsehspiel geworden.

Text: Andreas Günther / Fotos: Universum
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universum
Laufzeit: 96 Min.