Ich bin dann mal weg …

Regisseur Emilio Estevez, Sohn von Hollywood-Veteran Martin Sheen, ist ein Mann, den eine große Hoffnung antreibt: dass am Ende ja doch alles gut werden kann. Unter diesen Vorzeichen drehte er 2006 das Polit-Drama „Bobby“: Stimmungsreich erzählte er von jenem schicksalhaften Tag, an dem Robert F. Kennedy ermordet wurde. Nun macht sich Estevez auf den Jakobsweg und inszeniert seinen Vater auf einer hoffnungsfrohen Reise zu sich selbst. „Dein Weg“ ist ein solide inszenierter Selbstfindungstrip, dem allerdings eins verwehrt bleibt: den Zuschauer emotional zu packen.

Regisseur Emilio Estevez inszenierte "Dein Weg", die Hauptrolle spielt sein Vater Martin Sheen.


Tom Avery (Sheen) und sein Sohn Daniel (gespielt von Regisseur Emilio Estevez) hatten nicht das beste Verhältnis. Aber als Daniel auf dem Jakobsweg ums Leben kommt, ist auch der selbstgerechte, sture Tom für eine Weile am Ende seiner Kräfte. Pflichtbewusst reist er ins fremde Europa, um die Asche seines Sohnes zu holen – und bleibt, gleichwohl wenig überraschend, um stellvertretend für den verlorenen Sohn den populären Weg der Sinnsucher zu gehen.

Auf seiner Pilgerreise gesellen sich diverse orientierungslose Zeitgenossen zu dem mürrischen, einzelgängerischen Amerikaner. Zunächst ist da ein ebenso geschwätziger wie kiffender Holländer namens Joost (Yorick van Wageningen), der eigentlich nur abnehmen will, um für seine Frau wieder begehrenswert zu sein. Dann ergänzt die kanadische Kettenraucherin Sarah (Deborah Kara Unger) das Duo, die ihren Zynismus wie eine Sicherheitsweste mit sich herum trägt. Der hypernervöse Ire Jack (James Nesbitt), der an einer Schreibblockade leidet, macht das ungleiche Pilger-Quartett perfekt. Jeder hat hier, so will es der Regisseur, seine eigene Neurose.

Im Laufe der Reise lernen sie sich zwangsläufig besser kennen; erfahren die Abgründe, die wahren Motivationen ihrer Mitpilger. Es entwickelt sich langsam so etwas wie Freundschaft. Dann gibt es einen Moment, als Tom der Rucksack mit der Asche seines Sohnes geklaut wird, und er aufgeben will – zu groß ist die Erschöpfung. Aber alles wird wieder gut: Der Vater des Diebs lädt die Pilger als Entschuldigung zu einem rauschenden Fest ein. Regisseur Estevez inszeniert dies irritierend klischeehaft als exotischen Feel-Food-Moment unter natürlich lebensfrohen Zigeunern.

Regisseur Emilio Estevez spielt Daniel, der auf dem Jakobsweg ums Leben kommt.


Emilio Estevez erzählt diese Geschichte, abgesehen von anfänglichen Rückblenden, welche die verkorkste Vater-Sohn-Beziehung illustrieren, als episodenhaftes Roadmovie. Und das ist eigentlich das Schöne an diesem Filmgenre: dass ihm per se der Zwang zur Veränderung, zur Läuterung innewohnt. Estevez bemüht sich bei seiner Inszenierung immer wieder um heitere, unbeschwerte Momente: Der beschwerliche Weg soll keine bierernste Sache sein. Seine hehren Absichten erweisen sich jedoch als diffiziles Unterfangen, bei dem die Spiritualität auf der Strecke bleibt.

Dass einem dieser ambitionierte Film zu keiner Zeit nahe geht, hat mehrere Gründe: Zu schablonenhaft, zu stereotyp sind zum einen die vier Pilger geraten, dem können auch die routinierten Schauspieler nicht entgegenwirken. Zu erwartbar sind zum anderen die charakterlichen Veränderungen der Figuren. Und viel zu langatmig ist diese Reise, auch wenn sie durch berauschend schöne Landschaften führt.Die besondere Kraft des berühmten, seit dem 11. Jahrhundert begangenen Jakobswegs zu vermitteln – auch das gelingt dem tiefgläubigen Katholiken Estevez trotz aller Bemühungen nicht. Der 800 Kilometer lange, spirituelle Pilgerweg fungiert hier vielmehr symbolisch: als hoffentlich Heil bringender Weg der Wege, hin zu persönlicher Selbstfindung und mehr Akzeptanz. Eine Wanderschuh-Hysterie wird dieser Film, anders als Hape Kerkelings Pilger-Bestseller „Ich bin dann mal weg“, wohl kaum auslösen.

Text: Heidi Reutter / Fotos: Koch Media
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: The Way
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Koch Media
Laufzeit: 120 Min.