Dem Zweck dienen

Ein langes Leben war Eugene Allen vergönnt, doch nicht lang genug, um den Film zu sehen, den seine Lebensgeschichte inspirierte: 2010, im Alter von 90 Jahren, starb der Afroamerikaner, der acht US-Präsidenten im Weißen Haus als Butler diente. Was hätte Allen wohl gedacht, wenn er Lee Daniels’ Drama „Der Butler“ noch zu sehen bekommen hätte? Wahrscheinlich wäre er sehr bewegt gewesen. Und heilfroh, dass sein Leben nicht wirklich so dramatisch verlief wie das seines Film-Alter-Egos Cecil Gaines.

Butler Cecil Gaines (Forest Whitaker) kümmerte sich im Weißen Haus um acht Präsidenten.

 

Die traumatischen Kindheitserfahrungen etwa, die Drehbuchautor Danny Strong für Cecil Gaines (Forest Whitaker) zurechtlegte, blieben dem realen Butler glücklicherweise erspart: Eugene Allen musste nicht miterleben, wie ein weißer Farmer erst seine Mutter (Mariah Carey) vergewaltigte und Minuten später seinen Vater erschoss, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Doch die anderen, alltäglicheren Demütigungen, die Cecil Gaines im Film erlebt – getrennte Einrichtungen für Schwarz und Weiß, ungleiche Bezahlung, soziale Benachteiligung -, die kannte, wie wohl jeder seiner schwarzen Zeitgenossen, auch Eugene Allen. „Ich hoffte immer, dass sich die Dinge ändern werden“, erinnerte sich der Butler 2008 in dem Zeitungsartikel der „Washington Post“, der den Film inspirierte.

 

Der allgegenwärtigen Ungerechtigkeit begegnet Filmbutler Cecil mit geradezu stoischer Ruhe. Ob nun Dwight D. Eisenhower (Robin Williams) in seiner Gegenwart überlegt, wie die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen durchzusetzen sei, Richard Nixon (John Cusack) die Ausrottung der Black Panthers befürwortet oder Ronald Reagan (Alan Rickman) mit seiner Position in der Apartheidfrage hadert, der Butler bleibt stumm und serviert den Tee. Nichts sehen, nichts hören, nur bedienen, das ist sein Job. Und er erledigt ihn mit so viel Würde und Demut wie Forest Whitaker den seinen.

Lyndon B. Johnson (Liev Schreiber, vorn) musste sich in seiner Amtszeit auch mit Rassenfragen auseinandersetzen. Beeinflusste ihn dabei die Präsenz schwarzer Hausangestellter wie Cecil Gaines (Forest Whitaker)?

 

Jene Zurückhaltung ist es auch, die immer wieder zu Konflikten zwischen Cecil und seinem politisch zunehmend engagierten Sohn Louis (David Oyelowo) führt: Während der Vater den Machthabern dient, lässt der Junior kaum eine Gelegenheit aus, sich gegen sie aufzulehnen. Er schließt sich den Freedom Riders an, folgt erst Martin Luther King, dann Malcolm X, schließlich den Black Panthers, und ist so an den meisten wichtigen Aktionen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung beteiligt. All die Schläge, die die Bürgerrechtsaktivisten einstecken mussten, all die Ängste, die sie durchlitten, all die Drohungen, die sie erhielten, werden dem Zuschauer anhand Louis’ Beispiel mit Nachdruck vor Augen geführt.

 

Das Leben selbst mag ja oft die spannendsten Geschichten schreiben, dieser aufwühlende Vater-Sohn-Konflikt jedoch geht allein auf das Konto von Drehbuchautor Danny Strong. Er erschuf Louis zum einen, um die Entscheidungen der Präsidenten, die der reale Butler in seiner Dienstzeit umsorgte, in ihren zeitgeschichtlichen Kontext zu setzen. Zum anderen wird durch den erfundenen Sohn die politische Ebene ganz eng mit einer familiären verknüpft, was die Spannung in der immerhin 130 Minuten langen Geschichtsstunde durchgehend hoch hält.

Nancy und Ronald Reagan (Jane Fonda und Alan Rickman) waren das letzte Präsidentenpaar, das Cecil Gaines bediente.

 

Doch auch wenn jene Louis-Episoden sehr clever konstruiert wurden; dass sie konstruiert wurden, merkt man ihnen trotz David Oyelowo beeindruckender darstellerischer Leistung deutlich an. Seinen dramaturgischen Zweck hätte Louis sicherlich auch erfüllt, wenn er nur in jeder dritten Schlacht im langen Kampf um die Bürgerrechte an vorderster Front gestanden hätte. Doch „Weniger ist mehr“ scheint ohnehin nicht das Motto dieser Produktion gewesen zu sein.

 

Nicht nur, dass Regisseur Lee Daniels („Precious – Das Leben ist kostbar“) jede noch so winzige Rolle prominent besetzte – von Talkshow-Göttin Oprah Winfrey als Cecil Gains’ Ehefrau über Rockstar Lenny Kravitz als Butlerkollegen bis Jane Fonda als Nancy Reagan. Daniels geht auch nicht gerade subtil vor, wenn es um die Botschaft seines Films geht.

Die Angestellten des Weißen Hauses lernen ihre neuen Dienstherren kennen: die Kennedys.

 

Er belässt es nicht dabei, einen Präsidenten beiläufig seinen Butler auf ein aktuelles Ereignis im Rassenkonflikt ansprechen zu lassen und dann, Schnitt, eine Fernsehrede einzuspielen, in der jener Präsident jenes Übel adressiert. Dass der tägliche Umgang mit den schwarzen Angestellten die weißen Politiker für deren Probleme sensibilisiert, muss dem wütenden Butlersohn und dem Publikum gleich darauf noch einmal wortwörtlich erklärt werden. Und zwar nicht von irgendwem, sondern gleich von Martin Luther King – sicher ist sicher. Ob nun der eigenen Inszenierung oder der Urteilsfähigkeit des Publikums – einem von beiden scheint Lee Daniels ganz offenkundig nicht zu trauen.

 

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2013 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Butler
Genre: Drama
Freigabealter: 12 (beantragt)
Verleih: Prokino
Laufzeit: 130 Min.