Entfremdete Seelenverwandte

Blut ist dicker als Wasser. So dick, dass es die Liebe erstickt. Von der Unmöglichkeit, in politisch schwierigen Zeiten glücklich zu sein, erzählt Jeanine Meerapfel in ihrem romantischen Drama „Der deutsche Freund“. Die gebürtige Argentinierin behält über viele Jahre ein junges Paar im Fokus, das zwischen Südamerika und Deutschland pendelt. Zwei sehr erfolgreiche Schauspieler der jeweiligen Länder, Max Riemelt und Celeste Cid, mühen sich, eine Geschichte zu schultern, die in den 50er-Jahren in Buenos Aires beginnt.


Die beiden begegnen sich als Kinder, sie sind Nachbarn. Sulamit (Celeste Cid) ist die behütete Tochter jüdischer Emigranten, Vaters Liebling. Friedrich (Max Riemelt) ist der gleichaltrige Junge von gegenüber. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Doch die Seele von Friedrich gerät in Ungleichgewicht, als der Teenager begreift, dass sein Vater SS-Obersturmbannführer war. Voller Scham und Hass geht er nach Deutschland, um sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Er bricht mit seiner Familie und engagiert sich in der studentischen Protestbewegung.

Auch Sulamit arbeitet in der Politik, allerdings gemäßigter. Sie glaubt, fast erwachsen, an das private Glück mit ihrer Jugendliebe. Doch ihr deutscher Freund scheint getrieben zu sein von der eigenen Bitterkeit. Ihr Verdacht bestätigt sich, als sie ihm dank eines Stipendiums ins fremde Land folgen kann.

Sulamit studiert, Friedrich flüchtet sich in blinden Aktionismus, bis ihm Deutschland zu theoretisch ist und vor allem nicht radikal genug. Er geht zurück nach Argentinien, schließt sich einer Guerillatruppe an und wird während der Militärdiktatur verschleppt. Sulamit bleibt und hört Schlimmes über die Verhältnisse zu Hause: Es soll Razzien und Konzentrationslager geben …

Max Riemelt und Celeste Cid müssen eine Menge stemmen, viele Jahre, unglaublich viel Stoff. Beide wirken mit der Aufgabe, die ihnen die 69-jährige Autorin und Regisseurin zuteilt, überfordert. Sie tun sich schwer mit den Gefühlen, aber vor allem mit den Erlebnissen. Jeanine Meerapfel gelang es offenbar nicht, ihnen ihre Idee zu vermitteln.


Die Kulisse bleibt steril, die Erzählung staubig und die Figuren agieren steif. Man möchte den beiden Schauspielern dafür nicht die Schuld geben: Sie können es viel besser, sind aber letztlich die falsche Besetzung in diesem Film, der in Teilen vom Leben der Regisseurin erzählt.

Sie erdachte eine Geschichte zu der bizarren Situation im Argentinien ihrer Kindheit: Nazis ließen sich nach dem Zweiten Weltkrieg dort nieder, wo viele deutsche Juden hingeflüchtet waren – und bevorzugten die gleichen Wohngegenden. Meerapfel war eine Emigrantentochter und ihre Nachbarn in den 50er-Jahren waren Deutsche. Die Zeit der 68er erlebte die Südamerikanerin in Berlin und Ulm. Bei all dem persönlichen Wissen und der großen gewählten Zeitspanne konzentriert sich die Regisseurin zu sehr auf Vollständigkeit. Die Masse erdrückt – mit Aufzählungen statt Höhepunkten – mögliche Klasse.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 12 (beantragt)
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 104 Min.