Fauler Zauber

Der Ölbaron kann sein Glück nicht fassen: Da kniet er, Auge in Auge mit einem Wal! Begeistert lacht er selbst dann noch, als das Riesenvieh ihm eine Fontäne gefrorenen Schnodders ins Gesicht bläst. Der Mann, der vor ein paar Wochen noch seelenruhig alle Wale der Beaufortsee hätte krepieren lassen, kann sich nun dem Zauber der Meeressäuger nicht entziehen. Ebensowenig wie der Zuschauer. Darauf zumindest setzt Regisseur Ken Kwapis in seiner Umweltschmonzette “Der Ruf der Wale” – und irrt sich.

Märchenstunde: Der nette Reporter (John Krasinski) und seine Ex-Freundin, die Greenpeace-Aktivistin (Drew Barrymore), kommen sich dank der Wale wieder näher.



Alaska, 1988: Der Kleinstadtreporter Adam (John Krasinski) entdeckt bei einem Routinedreh zufällig drei Grauwale, die im Eis eingeschlossen sind. Nur ein kleines Atemloch steht ihnen zur Verfügung. Auf dem weiten Weg zum offenen Meer würden sie unter der geschlossenen Eisdecke ertrinken. Adam hofft, dass die großen Tiere ihm den großen Durchbruch bescheren werden, und dreht ein kleines Rührstückchen – mit durchschlagendem Erfolg: Bald nimmt die ganze Nation teil am Schicksal der Walfamilie.

Schnell ist das kleine Kaff nahe des Atemlochs völlig überlaufen. Reporter rücken in Hundertschaften an, um sich zu profilieren und ihren Sendern einen Exklusivschnipsel nach dem anderen zu bieten. Ein Ölbaron (Ted Danson) sieht seine große PR-Chance: Wenn er jetzt plakativ drei Wale rettet, wird es ihm hinterher kaum jemand übelnehmen, wenn er anschließend heimlich das Meer verseucht. Sogar die Nationalgarde rückt an, um das üble Image aufzupolieren, das die Republikaner in Sachen Umwelt haben. Wirklich den Walen helfen will einzig und allein die Greenpeace-Aktivistin Rachel (Drew Barrymore) – ausgerechnet Adams Exfreundin, die immer noch etwas für ihn übrig hat.

Dem schneidigen Colonel Boyer (Dermot Mulroney, Mitte)
ist die Medienaufmerksamkeit unangenehm.



Unter dieser Prämisse standen Regisseur Kwapis mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Er hätte eine zynische Satire aus der Geschichte machen können, einen Umweltkrimi oder – wenn’s denn sein muss – eine heiße Liebesgeschichte vor eiskalter Kulisse. Stattdessen drehte er einen halbgaren Liebesfilm mit humoristischen Seitenhieben und kleiner Umweltbotschaft, bei dem sich nicht nur die Grundstimmung, sondern auch das Genre von Szene zu Szene zu ändern scheinen.

Damit scheint der Regisseur ebenso hilf- und orientierungslos wie die Wale. Und wie sein eigentlich recht respektables Schauspielensemble. Denn die Darsteller haben mit Figuren zu kämpfen, die direkt aus der Klischeekanone auf die Leinwand geschossen wurden: Der profitgierige Industrielle, der im Angesicht der Kreatur sein Herz entdeckt. Der harte Hund vom Militär, der im Angesicht einer schönen Frau zum ungelenk stotternden Jungen mutiert. Der Reporter, der zu nett ist, um in den Medien großartig Karriere zu machen. Die Reporterin, die eine zu großartige Karriere macht, um nett zu sein.

So mäandert der Film fast ein wenig lustlos von einer Figur und ihrer Geschichte zur nächsten, mit kurzen Abstechern zu den Walen. Bis er in der wenig inspirierenden Botschaft endet, dass wir viel erreichen können, wenn wir nur alle tüchtig anpacken. Weiterer Wermutstropfen: Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Allerdings hatte damals ein Inupiat die Walfamilie entdeckt. Die Inupiat waren auch die Ersten, die den grauen Giganten halfen, indem sie weitere Atemlöcher ins Eis schnitten. Im Film dagegen sind die Inupiat diejenigen, die die wehrlosen Tiere abschlachten wollen und denen erst eine Weiße zeigen muss, was Gnade und Güte bedeuten.

Drew Barrymore gibt ihre Umweltaktivistin Rachel Kramer mit etwas zu viel Leidenschaft.


Vor dem endgültigen Absaufen bewahren den Film nur drei Umstände: Drew Barrymore ist selbst als hysterische Öko-Schrulle noch irgendwie niedlich. John Krasinski wirkt so grundsympathisch, dass man mit ihm auch noch die langweiligste Szene durchsteht. Und selbst wenn die Wale keinen großen Zauber entfalten – den einen oder anderen Trick haben sie dann doch drauf, wenn sie aus niedlich umrunzelten, feuchten Augen zu den Helden aufblicken.

Text: Sabine Metzger / Fotos: Universal Pictures / Darren Michaels

Filmbewertung: akzeptabel
Starttermin: 16.02.2012
Freigabealter: 0
Verleih: Universal
Originaltitel: Big Miracle
Laufzeit: 107 Min.