Jeder Moment ein Abschied

Wer sonst als Michel Gondry hätte „Der Schaum der Tage“ verfilmen können? Der im Nachkriegsfrankreich entstandene Roman von Boris Vian ist ein freches Kultbuch über die Liebe und ihre Bedingungslosigkeiten, über den Jazz und über die Fantasie. Generationen junger Franzosen haben das schmale Bändchen gelesen mit seinen inbrünstigen Wahrheiten der Jugend. Verfasst hat es der damals 27-jährige Vian als sprachliches Experiment – poetisch, surreal und provokant. Ideale Voraussetzungen also für Gondry („Vergiss mein nicht“, „Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“), der das Kino als Spielplatz der Kunst begreift und „Der Schaum der Tage“ mit viel Einfallsreichtum als tricktechnikes Panoptikum inszenierte.

Szene mit Romain Duris und Audrey Tautou.
Der wohlhabende Tagträumer Colin (Romain Duris) und sein treuer Freund und Koch Nicolas (Omar Sy aus „Ziemlich beste Freunde“) leben ein unbeschwertes Leben zusammen mit einer Hausmaus. Ab und an kommt Colins bester Freund Chick (Gad Elmaleh) zu Besuch und mixt am Pianocktail aus verschiedenen Tönen die Drinks. Es ist ein beschwingter, märchenhafter Auftakt, den Michel Gondry inszeniert – mit viel Fantasie, Knete, Wollfäden, Pappmaché und sehr verspielten Interpretationen physikalischer Gesetzmäßigkeiten.

Man sieht seinen absoluten Gestaltungswillen und sein einmaliges Talent, surreale Unmöglichkeiten visuell möglich zu machen. „Der Schaum der Tage“ ist eine 90-minütige Flucht aus dem Alltag, die beschwingt beginnt und tragisch genug enden wird. Dem Leben kann man nicht entkommen. Vor allem, nachdem Colin und Chick bei einem gemeinsamen Dinner darauf bestehen, sich zu verlieben. Eine Party bei einer Bekannten von Nicolas kommt da gerade Recht: Ein Pudel hat Geburtstag, und auf der ausgelassenen Feier funkt es heftig. Colin ist zwar ungeschickt, aber irgendwann kriegt er Chloé (Audrey Tautou) rum, unter anderem weil sie gemeinsam einen wunderbaren Beine-Biege-Tanz zu einer Melodie von Duke Ellington aufs Parkett legen.

Himmelhochjauzend stürzen sich beide in eine Liebesgeschichte, die in einem privaten Wolkenkarussell über den Dächern von Paris beginnt, bei der vielleicht schönsten Kinohochzeit aller Zeiten einen schnellen Höhepunkt erlebt und von da an konsequent der Tragik ausgeliefert ist. Noch in den Flitterwochen legt sich der Schleier der Krankheit auf die glückliche Zweisamkeit. Eine Seerose nistet sich in Chloés Lunge ein, die Sonne verschwindet, alle Blumen verwelken.

Szene mit Omar Sy, Audrey Tautou und Romain Duris.
Colins Lebensfreunde und Reichtümer werden aufgebraucht: Gondry entzieht dem Film konsequent die Farben, lässt die Menschen altern, die Liebe aber bedingungsloser werden. Jeder Moment der Zweisamkeit ist ein Abschied – und ein Versprechen der Ewigkeit. Dennoch bleibt am Ende die schale Erkenntnis, dass bei Gondry zwar alle Dinge ein Eigenleben haben, die Figuren aber einfach nur dahinsiechen und dem großartigen, dem kompromisslosen Pathos der Romanvorlage nicht gerecht werden können

„Der Schaum der Tage“ sieht schön aus, ist handwerklich konsequent und liebenswert bizarr. Aber es fehlt der Funke, der den Film hätte entzünden können: Er wirkt seltsam unfertig – was daran liegen mag, dass die französische Kinofassung für die Auswertung in Deutschland um etwa eine halbe Stunde gekürzt wurde. Für die freche Nebenhandlung etwa, die sich Vian im Buch als Provokation seines Zeitgenossen, Weggefährten und Eheweib-Verführers Jean-Paul Sartre hat einfallen lassen, fehlt im Film die Zeit.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 94 Min.