Drangsal auf dem Schattenhof

In den frühen Morgenstunden auf dem Schattenhof der Bösigers. Der schemenhafte Körper eines toten Jungen wird von dunkel gekleideten Männern aus einer kleinen Kammer getragen. Bauer Bösiger (Stefan Kurt) schaut verstohlen zu seiner Frau herüber. Die verhärmte Bösigerin (Katja Riemann) trauert still. Vor dem Haus verspricht ihr Pfarrer Hasslinger (Andreas Matti) Ersatz, schärft ihr aber ein, das nächste Mal vorsichtiger zu sein. Für den neuen, kräftigen „Verdingbub“ Max (Max Hubacher) wird er mit leckeren Spezialitäten bezahlt.


Die beklemmende Ouvertüre von „Der Verdingbub“ reißt die Funktionsweise eines furchtbaren Systems von Ausbeutung an. Von 1800 bis etwa 1950 wurden in der Schweiz Waisenkinder, aber auch Nachwuchs aus nichtehelichen Verbindungen und Sprösslinge geschiedener Eltern gegen möglichst geringes Kostgeld als sklavenähnliche Arbeitskräfte an Bauern vergeben. Bis vor kurzem wurde das Elend der so genannten „Verdingkinder“ schamhaft verschwiegen. Mit „Der Verdingbub“ bringt der Schweizer Regisseur Markus Imboden nach einem Drehbuch von Plinio Bachmann und Jasmine Hoch ein Tabuthema auf die Leinwand.

Doch nach den ersten, sehr beeindruckenden Szenen verliert „Der Verdingbub“ zwar nicht seinen unerbittlich realistischen Erzählton, aber seine eigentliche Zielsetzung aus dem Blick: Darzustellen, was die Machenschaften von Behörden, Klerus, Sozialdiensten und Bauern an den wehrlosen Opfern verbrochen haben. Die Figur des Max bleibt trotz des energiegeladenen Spiels von Max Hubacher eindimensional. Das Engagement der Lehrerin Esther (Miriam Stein), die Max helfen will, erbringt bloß bruchstückhafte Einblicke ins Verding-System. Das großartig verkörperte Bauernehepaar Bösiger – er haltloser Trinker, sie voller Sehnsucht nach einem besseren Leben – bemitleidet man wegen seiner desolaten wirtschaftlichen Lage sogar. Max, in seiner Freizeit Handorgelspieler, erlebt auf dem Schattenhof die Härte einer bäuerlicher Existenz Mitte des letzten Jahrhunderts. Und auch raue Erziehungsmethoden – aber zunächst keine Drangsal.


Dafür muss der schurkenhafte Sohn der Bösigers sorgen: Jakob (Maximilian Simonischek) missbraucht das andere Verdingkind auf dem Schattenhof, die ihrer verwitweten Mutter entrissene 15-jährige Berteli (Lisa Brand), und versucht sogar die Lehrerin zu vergewaltigen. Er quält Max, weil sein Vater ihm Max als den tüchtigeren Landwirt vorzuziehen beginnt. Gegen den engelhaft blonden und edlen Max wird der schwarzhaarige Jakob als teuflische Personifikation des Bösen gesetzt.

Mit dieser klischeehaften Kontrastierung gerät der „Der Verdingbub“ vom Pfad des Anti-Heimatfilms ab und mündet in den Mainstream des Genres ein, in dem Typen wie Jakob notorisch fürs Unheil zuständig sind. Zudem droht die Andeutung einer Schicksalsbindung an ihren Peiniger das Leid Berthelis zu verharmlosen. Die Verdingkinder verdienen eine differenziertere Auseinandersetzung mit ihrer zerstörten Kindheit.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 106 Min.