Nomen est omen?

Kevin wird wohl immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Klein-Heinrichs Familie lässt sich wahrscheinlich dem Bildungsbürgertum zuordnen. Und Marie dürfte in ihrer Kindergartengruppe wohl nicht die einzigen Trägerin ihres Namens sein, wird aber später beim Nennen ihres Vornamens keine irritierten Blicke ernten. Namen sind alles andere als Schall und Rauch, wie Studien und Umfragen regelmäßig belegen: Ein von den Eltern gut gewählter Name kann Tür und Tor öffnen, ein schlecht getroffener hingegen oft nur Schubladen. Für werdende Mütter und Väter kann die Namenssuche demnach ein Drahtseilakt sein – für die Franzosen Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte ist sie hingegen ein gefundenes Fressen: „Der Vorname“, der in ihrer gleichnamigen Komödie zur Debatte steht, stellt allerdings jeden Kevin und jeden Justin in den Schatten …

Pierre (Charles Berling) versucht seinen Freund zur Vernunft zu bringen.


Der Film mag von Alexandre und Matthieu sowie mit Patrick, Valérie, Charles, Guillaume und Judith sein – doch trotz der großen Auswahl an Vornamen, die im Vorspann präsentiert wird, werden die meisten frankophilen Kinogängern wohl zeitgleich an einen denken, der nicht aufgeführt wurde: Amélie.

Die liebevoll montierte Eingangssequenz, in der man in Windeseile von einer Off-Stimme ein paar interessante Dinge über das Pariser Straßennetz und die fünf Hauptcharaktere erfährt, erinnert auf sehr positive Art an Jean-Pierre Jeunets fünffach oscarnominierten Welterfolg „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Mit dem Unterschied, dass sich der zunächst allwissende Erzähler als Vincent (Patrick Bruel), eine der handelnden Figuren entpuppt, und die rasante Fahrt durch Paris nach wenigen Minuten in einem Wohnzimmer im 9. Arrondissement der Stadt endet.

Dort hat Vincent für die Gastgeber, seine Schwester Élisabeth (Valérie Benguigui) und deren Mann Pierre (Charles Berling), sowie Ziehbruder Claude (Guillaume de Tonquedec) große Neuigkeiten. Er und Anna (Judith El Zein), die erst später zum Geschehen dazustößt, haben einen Namen für den ungeborenen Sohn gefunden. Das fröhliche Drauflosraten beginnt: Christoph? Igor? Lanzelot? Nein, nein und nochmals nein. Keinen anderen Namen als Adolphe soll der Knabe tragen – nach der Romanfigur von Benjamin Constant, wie der werdende Vater erklärt.

Élisabeth (Valérie Benguigui) will es eigentlich gar nicht hören. Als sie den Namen, den ihr Neffe bekommen soll, trotzdem aufschnappt, ist die äußerst irritiert.



Hätte Vincent stattdessen vor versammelter Mannschaft seine Notdurft auf dem Tisch verrichtet, wäre das Entsetzen wohl nicht halb so groß gewesen. Eine leidenschaftliche Diskussion entspinnt sich angesichts seiner Namenswahl: Darf man sein Kind – Schreibweise hin oder her – wie Hitler nennen? Wenn nicht, wäre Josef dann nicht auch raus, weil Namensvetter Stalin kaum weniger grausam war? Und hebt man Hitler nicht gerade dadurch auf ein Podest, dass man seinen Vornamen unangetastet lässt?

Schon steht er wieder mitten im Wohnzimmer, „Der Gott des Gemetzels“, den Roman Polanski 2011 im gleichnamigen Film beschwor. Nur dass sich diesmal nicht zwei fremde Ehepaare lachmuskelstrapazierend mit Worten zerfleischen, sondern Menschen, die sich näher kaum stehen könnten. Bald verschiebt sich die Diskussion von einer philosophischen auf eine persönliche Ebene – wodurch das anfangs so solide erscheinende Beziehungsgeflecht auf Heftigste strapaziert wird.

Für die fünf Freunde verläuft der Abend entsprechend dramatisch, für ihr Publikum hingegen brüllend komisch: Zwar verliert das Kammerspiel, das Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte unverkennbar für die Bühne schrieben, im Verlauf der Diskussion ein wenig an Tempo und Zielstrebigkeit, jedoch nicht an Wendungsreichtum.

Text: Annekatrin Liebisch /
Fotos: 2012 Chapter 2 / Pathe Production / Warner Bros. Ent.
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Le prénom
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 109 Min.