Tanzt, tanzt, seid ihr selbst!

Das Kopfschütteln ist in Ordnung. Nach ein paar Minuten „Dicke Mädchen“ kann man sich schon mal fragen, warum man ins Kino gegangen ist, in diesen Film, den Axel Ranisch zuhause gedreht hat, bei seiner Oma. Wichtig ist aber, dass man bleibt. Bleibt, um einen sehr besonderen Film zu sehen, der 2011 bei den Hofer Filmtagen gezeigt und 2012 bei den First Steps Awards nominiert wurde. Und sich auch sonst mächtig durch die Festivals von Chicago bis Lünen gekämpft hat.


Die First-Steps-Jury lobte die Sicherheit im Umgang mit Gefühlen und erwähnte den finanziellen Einsatz von 517 Euro für 76 Minuten. Beides ist bemerkenswert. Die Idee wurde von (Kurz-)Filmemacher Ranisch und den beiden Hauptdarstellern Peter Trabner und Heiko Pinkowski gemeinsam ausgearbeitet. Die Geschichte beginnt in der besagten Wohnung, in die Sven Ritter (Pinkowski) jeden Tag nach der Arbeit in der Bank zurückkehrt. Sven lebt bei seiner Mutter Edeltraut (Ruth Bickelhaupt), sie teilen sogar das Ehebett, denn Mama Ritter leidet an Demenz und ist manchmal unberechenbar. Deswegen kümmert sich Daniel (Trabner) tagsüber um die Gute.

Als Edeltraut ihren Betreuer aus Versehen auf den Balkon sperrt und einen Ausflug in die Stadt macht, geht es eigentlich erst los: Daniel und Sven suchen nach ihr – kein Abenteuer, kein Sprung ins wilde Leben, sondern zunächst ein langweiliges Abklappern von Stationen, ein Stochern im Nebel.

Dass dieser Film nicht langweilig ist, liegt darin begründet, wie Ranisch hinter der Kamera das Leben beobachtet. Die Wege sind verschlungen, und auch mit einer Mini-DV-Kamera und guten 500 Euro in der Tasche kann man ihnen folgen, wenn man denn den Blick dafür hat. Ranisch, weit jünger als seine beiden Schauspieler, macht komische Sachen, lässt etwa die beiden vollschlanken Männer im Wald tanzen. Und doch spinnt er nie einfach rum. Sven und sein Bekannter Daniel erleben etwas, ein Abenteuer, das vielleicht sogar mit Gefühlen füreinander zu tun hat.


Frei von Kompromissen wollte er erzählen, sagt Ranisch und verwendet das Wort „liebevoll“. Weil er so an seine Arbeit ging, sitzt man da und freut sich, diese sympathischen Menschen kennengelernt zu haben. Chronologisch gedreht von einem, der 1983 in Berlin geboren wurde, als dickes Kind zweier Leistungssportler. Man möchte alle mal in den Arm nehmen, die beiden gefühlvoll spielenden Männer und natürlich auch die alte Dame, die mit 89 das erste Mal vor der Kamera steht, nachdem sie schwimmen gelernt und sich vor drei Jahren die Niagarafälle angeschaut hat. Ein schöner kleiner Film.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: missing films
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: missing films
Laufzeit: 76 Min.