Ein anderes Deutschland

Vier Jahre hat der fast 81 Jahre alte deutsche Regisseur Edgar Reitz an seiner filmischen Rückkehr in den Hunsrück gearbeitet. Jener Mann, der den Deutschen mit seiner TV-Trilogie „Heimat“ zwischen 1984 und 2004 ein Straßenfeger-taugliches Stück große Kunst bescherte, weil er Leben und Geschichte kleiner Leute ebenso präzise wie anrührend zu beschreiben wusste. Nun hat Edgar Reitz noch einmal ein großes Kinowerk erschaffen. Sein 230-Minuten-Epos „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ erzählt vom Leben zweier Brüder um 1840. Jakob (Jan Dieter Schneider) ist ein belesener Träumer, der die Sprache der Amazonas-Indianer studiert und sein Auswandern nach Brasilien plant. Jakobs älterer Bruder Gustav (Maximilian Scheidt) hingegen versucht sich im heimischen Schabbach eine bescheidene Zukunft aufzubauen. Das Leben beider Brüder wird gänzlich anders verlaufen, als es die jungen Männer gedacht hätten.

Szene mit Maximilian Scheidt.
Im romantischen Überschwang seiner Jugend rennt Jakob über Felder und durch Wälder oder vergleicht auf Steinen liegend die Sprachen der Indianer, so als würde er Poesie rezitieren. Nebenbei hat der 20-Jährige ein Auge auf das schöne Jettchen (Antonia Bill) geworfen, die mit ihrer Freundin, dem so schön singenden Florinchen (Philine Lembeck), ebenfalls durch die Hunsrücker Natur streift. Das verträumte Leben könnte so schön sein, wäre da nicht Jakobs Vater Johann (Rüdiger Kriese), dem der „faule“ Lebenswandel seines jüngeren Sohnes ein Dorn im Auge ist. Leben heißt für die einfache Hunsrücker Landbevölkerung jener Zeit vor allem Arbeit, ein karges Essen, Schlafen und dann wieder Arbeit.

Schmied Johann und seine in einem historisch windschiefen Haus lebende Großfamilie kennt – bis auf den Außenseiter Jakob – keinen anderen Alltag. Da gibt es nur dieses schwere Schuften, das am Ende des Tages doch nur fürs Überleben reicht. Gepeinigt von Hunger, Kälte, häufigen Todesfällen und einer arroganten, willkürlichen Obrigkeit, machen sich immer mehr Menschen jener Zeit auf, um neben hochgepackten Pferdewagen hinunter zum Rhein zu laufen, der sie zu jenen Schiffen bringen soll, die nach Nord- und Südamerika fahren. Auch Jakob will bald Teil dieses großen Trecks in eine bessere Zukunft werden. Ob Jettchen, das sich ebenso zu dem stürmischen Träumer hingezogen fühlt, ihn auf diesem Weg begleiten wird?

Natürlich hat man ein bisschen Angst vor vier Stunden Schwarz-Weiß-Film, der jedoch immer wieder „magische“ Farbtupfer enthält. Von anstrengendem Kopfkino kann hier dennoch keine Rede sein. Die Bilder von Edgar Reitz und seinem brillanten Kameramann Gernot Roll erzeugen einen erzählerischen Sog, dem man sich – ist man einmal drin in diesem erstaunlich fremd aussehenden Deutschland – kaum entziehen kann und welchem man am Ende gern noch weiter gefolgt wäre.

Szene mit Jan Dieter Schneider.
„Die andere Heimat“ ist jedoch nicht nur stark erzählt, sondern zugleich großes Ausstattungskino. Das Zuschauen fasziniert, weil Reitz und sein während der Dreharbeiten verstorbener Szenenbildner Toni Gerg ein anderes, vielleicht authentischeres Bild deutscher Vergangenheit erschufen. Alle Häuser, Inneneinrichtungen, Kleider und Geräte wurden in Handarbeit nach alten Lebensbeschreibungen hergestellt. Es ist auch diese Authentizität, die dafür sorgt, dass man als Zuschauer dieses poetischen Kinospektakels an einer fremden, faszinierenden Welt teilnimmt. Mit „Die andere Heimat“ ist Edgar Reitz noch einmal ein großer Film gelungen. Man wird diesen Magier eines poetischen Realismus vermissen, wenn sein Kino dereinst mit ihm zu Ende gegangen sein wird.

Text: Eric Leimann / Fotos: Concorde Filmverleih 2013 / Christian Lüdeke
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Concorde
Laufzeit: 230 Min.