Fürchte Dich!

Harry Potter ist tot. Gut, nicht wirklich gestorben. Vielmehr emanzipiert sich Daniel Radcliffe als depressiver Anwalt Arthur Kipps in dem meisterhaften Horror-Thriller “Die Frau in Schwarz”, der auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill basiert, mühelos von der Rolle seines bisherigen Lebens. Der einstige Kinderstar ist inzwischen ein gestandener Schauspieler, der es schafft, sich völlig neu zu präsentieren: gereift, erwachsen, überzeugend. Seine Bühnenerfahrung am Broadway habe ihm bei diesem Entwicklungsprozess sehr geholfen, gesteht Radcliffe im Interview. Für den Jungstar ist es jedenfalls kein Problem, den darstellerisch anspruchsvollen Film völlig alleine zu schultern.

Als sich die mysteriösen Vorgänge in Eel Marsh House häufen,
beginnt Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) zu recherchieren.



Bereits die Eröffnungssequenz verursacht kribbelnde Gänsehaut: Drei kleine Mädchen spielen friedlich in ihrem Dachgeschoss-Zimmer. Doch plötzlich erstarrt ihr Blick, sie erheben sich – und springen geschlossen aus dem Fenster. Die Botschaft von “Die Frau in Schwarz” ist bereits in den ersten Minuten klar: Die Harmonie, das Glück, kann urplötzlich und unwiederbringlich zerstört werden und hinterlässt nichts als emotionale Ruinen.

Genau diese bittere Erfahrung musste auch Arthur Kipps machen. Seine große Liebe starb im Kindbett, seither steht der Anwalt neben sich, hat keine Freude mehr am Leben. Selbst sein kleiner Sohn entlockt ihm nur gelegentlich ein halbherziges Lächeln. Die Aura der Trauer, die Kipps umgibt, ist beinahe greifbar – nicht nur durch das düstere, viktorianische Set-Design, das eine bedrückende Atmosphäre schafft, sondern auch durch Radcliffes unglaublich starke Präsenz.

Eben noch spielten sie vergnügt.
Doch dann bemächtigt sich etwas nicht Greifbares der kleinen Mädchen.



Gedeckte Farben dominieren die Schauplätze: Alles ist grau-braun, ein Spiegel von Kipps Seele und dem Befinden der Bewohner des kleinen Ortes, in den er im Auftrag seiner Kanzlei reisen muss. Er soll dort den Verkauf eines Hauses abwickeln. Doch das bedrohlich wirkende Bauwerk ist verflucht: Die rastlose Seele einer verzweifelten Frau, die sich das Leben nahm, soll dort spuken.

Unbeeindruckt von der Unheimlichkeit, die die Räume von Eel Marsh House beherrscht, macht sich Kipps in dem alten Gemäuer an die Arbeit. Nicht nur er, auch der Zuschauer wird sehr bald das Fürchten gelehrt: Durch geschickte Kameraführung nimmt man auch vom Kinosessel aus die Andeutung einer Bewegung nur im Augenwinkel wahr, blickt mit dem Anwalt in halbdunkle Ecken und hinter angelehnte Türen. Der spannungsgeladene Score, der stets im Hintergrund mitläuft, tut sein Übriges, um die Nerven bis an ihre Grenzen zu reizen.

Kein Blut, keine Gedärme, keine High-Tech-Schockeffekte – technisch und cineastisch bewegt sich “Die Frau in Schwarz” für heutige Verhältnisse in der Vergangenheit. Doch genau das ist es, was die besondere Stimmung dieses Thrillers ausmacht: Handwerkskunst. Die Spannung baut sich langsam und subtil auf, hält sich durch geschickte Kniffe und gezielt platzierte Schrecksekunden aber über die gesamte Filmlänge aufrecht. So fällt beispielsweise erst in dem Moment auf, dass Kipps geschlagene 20 Minuten kein Wort gesprochen hat, als er wieder einen Satz sagt – so gebannt verfolgt man seine Wege durch das Spukhaus.

Regisseur James Watkins gelang mit "Die Frau in Schwarz"
ein Meisterwerk des klassischen Horrorkinos.



Stück für Stück fügt der junge Anwalt das Puzzle um das Geheimnis von Eel Marsh House zusammen. Doch bringt die Lösung des Rätsels allen Beteiligten auch die erhoffte Erlösung? Manchmal gibt es mehr zwischen Himmel und Erde, als der Mensch erfassen kann – das wusste auch schon Harry Potter.

Text: Christina Freko / Fotos: 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Filmbewertung: Meisterwerk
Starttermin: 29.03.2012
Freigabealter: 12 (beantragt)
Verleih: Concorde
Originaltitel: The Woman In Black
Laufzeit: 100 Min.