Amour & Tristesse

Erfüllte Liebe mag das große Ziel im wahren Leben sein, im Kino gibt die unerfüllte jedoch mehr her. Das zeigt auch der amüsante und zugleich melancholische Musicalfilm “Die Liebenden – Von der Last, glücklich zu sein”. Der französische Drehbuchautor und Regisseur Christophe Honoré nimmt seine Zuschauer mit auf eine Zeitreise von Paris und Prag in den 60er-Jahren bis nach London und New York im Jahr 2001. Für die amourösen Abenteuer und Verwirrungen zweier Frauen aus unterschiedlichen Generationen verpflichtete er ein ganz besonderes Schauspielduo: Catherine Deneuve und ihre eigene Tochter Chiara Mastroianni.

Im Film und im wahren Leben Mutter und Tochter: Catherine Deneuve und Chiara Mastroianni.


Auf den ersten Blick haben Deneuve und Mastroianni äußerlich wenig gemeinsam. Aber in ihrem Spiel zeigen sie eine ähnliche Sensibilität und Tiefe, die eine unsichtbare Verbindung schafft. Honoré stellt den beiden dazu die sprühende Ludivine Sagnier als junge, unbekümmerte Ausgabe von Deneuves Charakter Madeleine zur Seite – ein Glücksgriff.

Adrett und angepasst wirkend verkauft Madeleine den feinen Damen im Paris der frühen 60-er edle Schuhe. Als sie nach Ladenschluss ein Paar eleganter roter Roger Vivier High Heels mitgehen lässt, wird sie von einem Mann für eine Prostituierte gehalten. Moralisch flexibel eingestellt, lässt sie sich von der richtigen Summe überzeugen. Der neue Nebenjob ermöglicht ihr den gewünschten Lifestyle.

Da kommt die Liebe in Person des Arztes Jaromil (Radivoje Bukvic) dazwischen. Mit ihm geht sie in die tschechische Hauptstadt, gerät in die Wirrungen des Prager Frühlings und in ein Gefühlschaos aus Leidenschaft und Schwermut, das sie ihr Leben lang begleiten wird. Besonders, als der gealterte Jaromil (Milos Forman) seine Verflossene und Mutter seiner Tochter Jahre nach dem dramatischen Ende ihrer Beziehung in Paris wieder aufsucht.

In dieser Zeitebene folgt der Film auch Madeleines Tochter Véra (Mastroianni): Sie lässt sich durchs nächtliche Paris treiben und will in Sachen Liebe keine Kompromisse, aber auch kein Risiko eingehen. Mit einem guten Gefühl für die Stimmung in den 90-ern bringt Honoré die Zerrissenheit Véras auf die Leinwand.

Véra (Chiara Mastroianni) lässt sich durchs Nachtleben treiben.


Die freie Liebe hat durch die Angst vor AIDS schon in den 80-ern einen Dämpfer erhalten, und doch scheint mehr erlaubt und möglich als je zuvor. Doch während die Suche nach dem Glück bei ihrer Mutter trotz aller Tragik noch etwas Leichtes und Spielerisches hatte, wirkt die Liebe bei Véra wie eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Unter anderem, weil sich der Ex-Freund Clément (Louis Garrel) an der Schönen abarbeitet, die jedoch den Drummer Henderson (Paul Schneider) anhimmelt, der allerdings nicht an Frauen interessiert ist. Oder sollte man in Anbetracht von Véras Hartnäckigkeit lieber sagen – noch nicht?

Wie schon in “Chanson der Liebe” baut Christophe Honoré auf die Kraft des Liedes, um seine Stimmungen und Themen auf einer anderen Ebene zu vertiefen. Die Lieder ersetzen geschriebene Dialoge und wirken wie innere Monologe – gesungen von den Schauspielern. Den Soundtrack komponierte Honorés musikalischer Dauerpartner Alex Beaupain – Hitverdächtiges kommt dabei nicht vor. Aber der Zuschauer soll ja auch nicht mitwippen und -singen, sondern die Chansons als poetischen Abgesang auf eine verloren gegangene Leichtigkeit der Liebe genießen.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Senator Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 03.05.2012
Freigabealter: 12
Verleih: Senator
Originaltitel: Les bien-aimés
Laufzeit: 139 Min.