Auf Umwegen nach Hause
Sonne, Strand und Großmannssucht: Es gab für Deutsche zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts sicher schlimmere Orte als Tsingtao im Osten Chinas. 1914: Das Leben in der Hafenstadt, die seit 1898 Kolonie des Deutschen Reichs ist, gleicht in Berengar Pfahls Abenteuerfilm „Die Männer der Emden“ einer Sommerfrische mit Frauen, Drinks und allem, was dazugehört, wenn es sich der Preuße im fernen Osten gut gehen lässt. Doch das exotische Idyll, in dem auch die Besatzung des „Kleinen Kreuzers“ Emden der kaiserlichen Marine die deutsche Überheblichkeit recht gediegen auszuleben versteht, ist trügerisch. In Europa zieht ein Krieg herauf, der bald auch die Männer in ihren schicken Offiziersuniformen in seinen Strudel reißen wird. Mit einem hochkarätigen Ensemble um Sebastian Blomberg erzählt Pfahl die wahre Geschichte der Emden-Besatzung nach – leider nicht, ohne den epischen Stoff mit einer kitschigen Lovestory zu verwässern.


Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, wird dieser auch auf fernen Meeren ausgefochten. Die SMS Emden schafft es binnen weniger Monate, sich durch erfolgreiche Taktik, aber auch durch die faire Behandlung des Gegners in der ganzen Welt einen guten Ruf zu erwerben. „Gentlemen of War“, schreibt die britische Presse. Dieser Kontext ist wichtig, und der ohnehin im angenehm „altmodischen“ Erzähltempo gehaltene Film nimmt sich ausreichend Zeit, um in den historischen und atmosphärischen Hintergrund einzuführen.


Gleichzeitig baut sich aber auch eine Liebesgeschichte auf, die sich im weiteren Verlauf immer wieder schwülstig in den Vordergrund schiebt. Leutnant Karl Overbeck (Duken) und Maria von Plettenberg (Felicitas Woll), Tochter eines hochrangigen Diplomaten, haben sich in einer romantischen Nacht am Strand in Tsingtao verlobt – die Gefühle sind groß, doch die Beziehung ist nicht standesgemäß. Overbeck hat ohnehin bald andere Sorgen.



Wie sein Kommandant, Hellmuth von Mücke (Sebastian Blomberg) und sein absolut nicht untadeliger Freund, Friedrich von Schulau (Jan Henrik Stahlberg), gehört er zu einem 52-Mann-Stoßtrupp, der im November 1914 bei den Cocos-Inseln abgesetzt wird, um eine britische Telegrafenstation zu zerstören. Der Handstreich gelingt – im typischen Gentleman-Stil der Emden. Doch dann der Schock: Von Land aus müssen die Marinesoldaten mit ansehen, wie ihr ganzer Stolz, die SMS Emden, von einem überlegenen australischen Zerstörer versenkt wird. Während die Besatzung an Bord entweder tot ist oder in Gefangenschaft geht, beginnt für die Gestrandeten eine Odyssee.


Es raucht und knallt, so gewaltig, dass der Boden zittert. Doch sie können nichts tun, als das schaurige Drama durch ein paar mitgeführte Ferngläser zu verfolgen. So beeindruckend dieser kathartische Moment auch inszeniert wurde, es bleibt eine entscheidende Frage offen, die sicher nur mit damaligen Ehrbegriffen zu beantworten ist und im Film viel zu wenig ausgelotet wird: Warum bleiben die Männer nicht einfach auf der hübschen Insel, um dort in einer Art Exil oder Deluxe-Gefangenschaft das Kriegsende abzuwarten? Aber vermutlich ist es eben so: Der deutsche Marinesoldat wartet nicht, er kämpft. Also versuchen die Männer der Emden, zunächst nach Tsingtao zurückzukommen, was ihnen mit einem abgewrackten Schoner tatsächlich gelingt. Doch dort haben inzwischen die Japaner übernommen – mit Gewaltexzessen, ohne Rücksicht auf die Deutschen, die sich absetzen, so schnell sie können. Auch Maria flieht mit ihrer Familie und muss bangen, je wieder heil zurück in die Heimat zu kommen.



Für die Emden-Marines wird’s jetzt richtig brenzlig: Mehr als 13.000 Kilometer über Wasser und Land müssen sie zurücklegen, sich durch feindliche Gewässer schleichen und vom Feind besetzte Städte schlagen, trockene Wüsten durchqueren und Beduinen-Angriffe überstehen – Monate voller Gefahren, Krankheit, Entbehrungen und internen Auseinandersetzungen. Die Hierarchien verschieben sich. Offiziere wie der verschlagene Schulau fallen tief, tapfere einfache Männer wie Ullrich Kluthe (Oliver Korittke) drängen in die vorderste Reihe. Und der wackere Overbeck wird mitten in der Wüste sogar von einer ungeahnten Versuchung (wunderschön als taffe türkische Wissenschaftlerin: Sibel Kekilli) herausgefordert.


Welch episches Abenteuer! – Aber irgendwie marschieren die Männer der Emden da einfach so durch – wie in einem bunten Weihnachtsmehrteiler mit einem Hauch von Karl May und „Lawrence von Arabien“. Das ist ohne Frage ganz unterhaltsam, zumal viel auf den aufregenden Look der vielen Schauplätze und die Wirkung des großen Bildes verwendet wurde, doch wirklich fesselnd ist es nicht. Den Charakteren mangelt es an Tiefe, der Darstellung der Kriegsgräuel an Nachdruck und Härte. Hängenbleibt am Ende nur Sebastian Blombergs Galavorstellung als nach außen jederzeit aufrechter deutscher Offizier voll innerem Unfrieden.


Im wahren Leben wurden die heimkehrenden Männer der Emden gefeiert und von der Propaganda verklärt, sie dienten der nach Symbolen gierenden NS-Diktatur als Heldenfiguren. Der echte Hellmuth von Mücke vertrat nach dem Zweiten Weltkrieg pazifistische Ansichten und trat gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ein.


Text: Frank Rauscher / Fotos: Kinostar / Hardy Brackmann
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Kinostar
Laufzeit: 115 Min.