Der Welt entrückt

Die einen sind erklärte Löwenfans. Andere bevorzugen Tiger, Robben, Pinguine oder die keifende Affenbande. Lanas (Ladya Cheryll) absoluter Liebling ist die Giraffe. Seit die junge Frau als kleines Mädchen im Zoo von Jakarta ausgesetzt wurde, ist sie fasziniert von diesem eleganten Tier – und seiner Umgebung, dem Tierpark. Denn Lana hat den Zoo in Indonesiens Hauptstadt nie verlassen und wurde von den Tierpflegern aufgezogen. In der internationalen Koproduktion „Die Nacht der Giraffe“ (2011) schickt sie der indonesische Regisseur Edwin auf eine traumwandlerische Reise in die Außenwelt und schließlich zu sich selbst. Für manche europäische Cineasten dürfte der Trip stellenweise allerdings ein wenig zu surreal ausfallen.


Unter anderem ist die exotisch-fremde Umgebung dafür verantwortlich. Der Zoo wirkt heruntergekommen, die Attraktionen abseits der darin lebenden Fauna muten vor dem Hintergrund der pulsierenden Metropole geradezu anachronistisch an. Und doch versprühen sie durch Edwins poetische Bilder, die häufig in diffuses Zwielicht getaucht sind, ihren ganz eigenen Charme.

Inmitten dieser eigentümlichen Welt führt Lana ein bescheidenes, aber zufriedenen Leben. Doch sie spürt: Wie der einzigen Giraffe des Zoos fehlt auch ihr ein Gegenstück. Als plötzlich ein geheimnisvoller Mann (Nicholas Saputra) im Cowboy-Dress im Tierpark auftaucht, ist es um Lana geschehen. An der Seite ihres Traumprinzen verlässt sie zum ersten Mal die sichere Parallelwelt und taucht in die Realität der vielen Menschen ein, die ihrem kleinen Universum sonst jeden Tag eine Stippvisite abstatten.


Dabei hinterfragt sie nicht, sie folgt ihrem Cowboy blind. Das erstaunt, schließlich entdeckt die bislang Entrückte quasi minütlich Neues. Selbst, als ihr Freund plötzlich spurlos verschwindet, ist Lana weder wütend noch enttäuscht – auch dann nicht, als sie als Masseurin in einem Nobelbordell landet. Stattdessen fügt sie sich klaglos ihrem Schicksal. Doch eines lässt sie nicht los: der Zoo, den Lana so oft wir möglich aufsucht.

Edwin, der auch das Drehbuch verfasste, verzichtete auf eine komplexe Geschichte und weitestgehend auch auf Dialoge. Stattdessen übernehmen wie so oft im asiatischen Kino die ausdrucksstarken Bilder die Aufgabe des Erzählens. Unauffällig folgt die Kamera Lana auf ihrer Entdeckungsreise, was manchmal wie in einer Tierdoku anmutet: Die heimatlose Frau streift durch die Wildnis, auf der Suche nach dem Platz, an den sie gehört. Wer in Lanas Welt eintauchen will, muss sich voll und ganz auf diese eigentümliche Erzählweise einlassen. Ansonsten geht er auf dem Streifzug verloren.

Text: Christina Freko / Fotos: Neue Visionen Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Kebun binatang
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 95 Min.