Schlammschlacht in Amerikas Hinterwald

Das Bizarre an den USA ist, dass viele Nachrichten, die über den großen Teich schwappen, wie geschmacklose Realsatire klingen, aber leider oft allzu wahr sind. Etwa die millionenschweren Schadensersatzsprüche, weil sich verschütteter Kaffee doch tatsächlich als brühheiß entpuppt. Oder die Schmutzkampagne, in der verbissene Gegner Präsident Barack Obama nachweisen wollten, dass er angeblich gar kein Amerikaner sei. „Die Qual der Wahl“ (2012) ist zeitlich perfekt auf den sich zuspitzenden US-Wahlkampf abgestimmt, der zwischen Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney geführt wird. Stilprinzip des Films ist es, mit Hilfe der Ausnahmekomiker Will Ferrell („Buddy – Der Weihnachtself“) und Zach Galifianakis („Hangover“-Filme) alles Unvorstellbare und Geschmacklose über den US-Politikbetrieb auf die Spitze zu treiben – und dann noch eine Schlammschippe nachzulegen.


Natürlich sind Momente, in denen mediengeile Politiker auch nur jeden Anlass nutzen, sich ins Rampenlicht zu setzen und etwa ein putziges kleines Baby zu küssen, an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Regisseur Jay Roach, bekannt durch die „Austin Powers“- und die „Meine Braut, ihr Vater und ich“-Reihe, wagt es trotzdem: Er lässt die beiden Streithähne Cam Brady (Ferrell) und Marty Huggins (Galifianakis) um das Vorzeigefoto rangeln – mit fürchterlichen Folgen. Versehentlich trifft Bradys Faust nicht seinen Wahlkampf-Herausforderer, sondern das Kleinkind. Und alle Kameras halten drauf.

Es ist natürlich nicht das satirische Florett aus Polit-Farcen wie „Wag the Dog“ oder „Bulworth“, das zum Einsatz kommt, um die Plumpheit und Korruptheit amerikanischer Hinterwäldler-Politiker zu entlarven. Jay Roach schwingt den Vorschlaghammer, er schreckt vor keinem Fäkalwitz, keiner schmierigen Sex-Anspielung oder derben Obszönität zurück, um sein Publikum wiehern zu lassen.

Erzählt wird von dem aufgeblasenen Provinz-Fürsten Cam Brady, der es dank der Einflüsterungen eines geschickten Managers versteht, auf der abgegriffenen Klaviatur der amerikanischen Gefühle („Unser Land, unsere Familien, unsere Freiheit“) zu spielen. Einer erneuten Wiederwahl des Kongressabgeordneten für North Carolina steht eigentlich nichts entgegen. Außer seine eigene Dummheit. Und seine vielen Skandale. Als Brady den Bogen mal wieder überspannt hat, reißt seinen mächtigen Geldgebern im Hintergrund der Geduldsfaden. Sie satteln um – und schicken einen Niemand von „Forrest Gump“-artiger Beschränktheit (und Aussprache) ins Rennen – Familienvater Marty Huggins.


Wie in einer RTL II-Makeover-Show wird aus dem hässlichen Kleinstadt-Enterich eine nicht wirklich attraktive, aber wenigstens auf glaubwürdig getrimmte Polit-Marionette. Der gerissene Strippenzieher Tim Wattley (Dylan McDermott) setzt alles daran, seinen Mann durchzuboxen: Huggins bewirbt sich zur Verblüffung aller als Bradys Gegenkandidat – und zieht gegen ihn in den Wahlkampf. Und der nimmt mit jeder Sekunde an Brutalität zu – und brutaler Dusseligkeit.

Heraus kommt eine extrem derbe Klamauk-Komödie im politisch völlig unkorrekten „Verrückt nach Mary“-Strickmuster. Es fällt schwer, sich über die vielen Albernheiten zu ärgern – auch wenn man sich dazu vielleicht zwingen möchte. Dafür sitzt der Satire-Stachel zu tief. „Die Qual der Wahl“ bietet beste Polit-Aufklärung im übelsten Trash-Stil.

Text: Rupert Sommer / Fotos: 2012 Warner Bros. Ent.
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Campaign
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 85 Min.