Kein Außen mehr …

Die Wand ist durchsichtig. Mit den Augen gar nicht wahrzunehmen. Doch sie ist da. Überall, wie eine Halbkugel gespannt über dieses Stück Bergwelt, in dem die junge Frau (Martina Gedeck) fortan eingesperrt ist. Einen Weg nach draußen gibt es nicht. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als den nach innen, in ihre Gedanken zu beschreiten und dabei halbwegs bei Sinnen zu bleiben. „Die Wand“ gehört zu den bemerkenswertesten deutschen Filmen der vergangenen Jahre. Fraglos auch zu den anstrengendsten. Aber ganz sicher zu den schönsten.


Immer wieder darf sich der Zuschauer fragen: Warum ist sie da, diese durchsichtige Wand, die nicht einmal mit einem fahrenden Auto zu durchbrechen ist? Das Buch von Marlen Haushofer lässt zahllose Möglichkeiten zu Interpretationen. Und der Film, der von Julian Roman Pölsler inszeniert wurde, tut das auch.

Sicher ist nur: Hier ist eine Frau gefangen in ihrer eigenen Welt, plötzlich mit Einsamkeit konfrontiert. Sie beginnt zu schreiben und kommuniziert auf diese Weise auch indirekt mit dem Zuschauer, der das Geschehen gleichsam angespannt und rätselnd verfolgt. Lange stellt man sich die gleichen Fragen: Wird sie entkommen können? Findet sie einen Weg nach draußen? Doch irgendwann ist klar: So einfach wird es der Film dem Betrachter nicht machen. Diese Antworten sind nicht gesucht. Erst müssen neue Fragen gestellt werden. Zuvorderst: Was macht die Einsamkeit aus einem Menschen?

Robinson Crusoe hat dermaleinst sein Schicksal begreifen können. Die Frau kann es nicht. Sie war mit einem befreundeten Paar und dessen Hund auf eine Hütte in die Berge gefahren. Das Paar geht noch einmal in den Ort hinunter. Doch es kehrt nicht wieder. Die Zurückgebliebene wird irgendwann zu suchen beginnen – und stößt direkt gegen die titelgebende Wand. Draußen, das kann sie sehen, ist die Welt stehengeblieben. Sie wird gar Menschen dort entdecken, doch die stehen starr und blicken still vor sich hin.

Es dauert lange, bis die Frau erkennt, was das für sie bedeutet. Einige Vorräte sind da, und doch gilt es vor allem, das eigene Überleben zu sichern. Zusammen mit ihr begibt sich der Betrachter auf Erkundungstour durch das durchaus große begehbare Berggelände, das von dem Kamerateam mit gleichermaßen strahlend schönen wie bedrohlichen Bildern eingefangen wurde. Neben dem Hund wird auch eine Kuh zu einem treuen Gefährten der Einsiedlerin.


Arg profan erscheint es, „Die Wand“ schlicht als gesellschaftskritischen Film zu beschreiben, der dem Betrachter vor Augen führen will, dass es auch ohne alle Errungenschaften der Moderne geht. Letztes Endes ist es vor allem der fehlende soziale Kontakt, an dem die Frau nahezu zerbricht. „Die Wand“ lässt zahllose Deutungen zu. Und genau dieser Tatsache hat die Romanautorin den unglaublichen Erfolg ihres Buches zu verdanken.

Dass der Film so glänzend funktioniert, liegt zum einen an seinem geschickten Erzählstil, zum anderen an der Kraft seiner Bilder. Vor allem aber ist er die Bühne für eine der besten Schauspielerinnen unserer Zeit. Es ist ein Erlebnis, Martina Gedeck hier zu sehen. Wie sie ratlos ist, wie sie hofft, wie sie beinahe zu Grunde geht, wie sie Mut schöpft, wie sie wieder leidet. Es erscheint absurd, einem Film, der ohnehin nur wenig Text aus dem Off (original aus dem Buch übernommen) besitzt, vorzuwerfen, er wäre bisweilen zu geschwätzig. Tatsächlich wäre noch weniger Rederei schön gewesen. Denn Martina Gedeck braucht diese Worte nicht. Sie gehört zu jenen, die nur mit ihren Augen mehr sagen können als andere mit vielen Seiten Text.

Ein großer Publikumserfolg kann und wird ein solcher Film in den Kinos nicht werden. Aber: „Die Wand“ zeigt, was Kino kann. Ein kompromissloser, mutiger Film. Wer ihn gesehen hat, vergisst ihn nicht mehr.

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 107 Min.