Nur die Liebe zählt

Es sind Neger, die Quentin Tarantino in seinem neuen Film „Django Unchained“ auftreten lässt. Keine Schwarzen, keine Afro-Amerikaner, keine dunkelhäutigen Mitmenschen – nein, es sind Neger. – Tarantino nimmt in seinem Film kein Blatt vor den Mund und macht zusammen mit einer großartigen Darsteller-Riege aus seinem unterhaltsamen Spaghetti-Western, der mit zwei Golden Globes (für das beste Drehbuch und für Christoph Waltz als bestem Nebendarsteller) ausgezeichnet und für fünf Oscars nominiert wurde, eine ziemlich deftige Unterrichtsstunde über die Geschichte der Sklaverei in den Südstaaten der USA. Damals gab’s in Texas und Louisiana eben Neger, und die waren vor allem eins: Eigentum.


Regisseur Spike Lee, die selbsternannte moralische Instanz der „black community“ in den USA, beschwerte sich dann auch gleich: „Django Unchained“ sei „respektlos seinen Vorfahren gegenüber“, sagte er dem US-Magazin „Vibe“ in einem Interview. Ohne den Film gesehen zu haben oder sehen zu wollen. Schade, Spike Lee entgehen zwar etwas überlange, aber im Grunde recht kurzweilige und abwechslungsreiche 165 Minuten Kinounterhaltung. Ob sie respektlos sind? Eher nicht. Aber ziemlich brutal.

In Ketten, als vernarbter, ausgepeitschter Sklave, trottet Django (Jamie Foxx) durch die ersten Bilder, begleitet von Luis Bacalovs elegischem Titelsong des originalen „Django“-Films (1966). Zum Cowboy, zum Rächer muss er sich erst noch entwickeln. Dabei hilft ihm Dr. King Schultz (Christoph Waltz), der in seinem Zahnarztwagen durch das Land tuckelt und auf die Sklavenhändler trifft. In einem grandiosen ersten Auftritt – mit größter sprachlicher Erhabenheit und ebensolcher Präzision beim Schießen – entkettet er Django.

Schultz, deutscher Einwanderer mit herrlichem Akzent, ist mitnichten ein fahrender Zahnarzt: Er ist Kopfgeldjäger. „Je böser die Leute, je größer die Prämie“, sagt er. Und die Männer, auf die er es abgesehen hat, sind besonders fiese Sklaventreiber. Sie hatten Django und seine Frau einst fast zu Tode gequält.

Gemeinsam machen sich der gute Deutsche und sein neuer Begleiter auf die Suche. Abends am Lagerfeuer gibt’s dann noch Nachhilfe in deutscher Mythologie. Schultz erzählt Django die Nibelungen-Sage: Und da sie die Sklaventreiber recht schnell richten, bleibt genug Zeit eine zweite Mission anzupacken.


Wie Siegfried einst seine Brunhilde rettete, will Django seine Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington) aus den Klauen eines Drachen befreien. Der heißt Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) und langweilt sich auf seiner staatlichen Plantage, während Hausneger Stephen (Samuel L. Jackson) als unterwürfiger Kollaborateur schlimmer mit seinem Brüdern und Schwestern umgeht, als der Master selbst.

Filmisch bekommt man, was man erwartet: einen tarantinoisierten Western. Quentin Tarantino rekapituliert und recycelt die besten Westernszenen aus seinem umfassenden Wissensfundus über Spaghetti-Klassiker und reichert sie mit gepfefferten Dialogen und mit großartigen Gastauftritten an – vom echten „Django“ Franco Nero und Don Johnson als Sklavenhalter. Das ist alles schön altmodisch gefilmt und mit dem Glanz eines alten Technicolor-Streifens und einem fantastischen Soundtrack unterlegt. Am faszinierendsten ist, dass deutsche Sagen, Spaghetti-Western und Sklaverei zusammengemixt werden.

Natürlich gibt es einen großen Showdown, explodierende Köpfe, Blut und Gewalt. Und doch ist nicht alles wie gehabt. Tarantino ist wütend und zynisch – mehr noch als in „Inglourious Basterds“. In einer wahnwitzigen Szene wird über das beste Schnittmuster weißer Spitzkapuzen diskutiert, unter denen sich ein weißer Mob beim Angriff auf Neger gern verstecken möchte.


Das Lachen bleibt oft im Halse stecken – dafür hat Tarantino einfach zu viele drastische, bisweilen plakative, Szenen über das brutale Wesen der Sklaverei eingebaut. Mandingo-Kämpfe, bei denen zwei Sklaven auf Leben und Tod gegeneinander antreten – zur Belustigung ihrer Besitzer. Entlaufene Sklaven, die in einer Hitzebox verglühen, ungehorsame Neger, die von Hunden zerfleischt werden.

„Django Unchained“ ist eine sehr anschauliche Geschichtsstunde mit Humor, Grässlichkeit und einem furiosen Finale in mehreren Akten. Tarantino mag als Lehrer nicht immer den richtigen Ton treffen. Als Erzähler hat er jedenfalls eine versöhnliche Lektion parat: Der Held wird nicht von Rache getrieben, sondern von der Liebe.

Text: Andreas Fischer / Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Django Unchained
Genre: Western
Freigabealter: 16
Verleih: Sony
Laufzeit: 165 Min.