Lass die Sau raus

Irvine Welsh ist ein Schriftsteller der Straße. Seine Herkunft hat ihn zweifellos geprägt. Der Schotte kommt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Hafenarbeiter in Edinburgh. Die Schule brach er frühzeitig ab, ein paar Mal saß er auch im Gefängnis. Welsh wurde zum präzisen Beobachter eines ihm allzu vertrauten Milieus: Sein Debütroman „Trainspotting“ über eine Gruppe junger, drogenabhängiger Schotten machte ihn berühmt, besser gesagt: dessen Verfilmung durch den Kultregisseur Danny Boyle. In der Folge versuchten sich auch andere Regisseure an dem einen oder anderen Buch von Irvine Welsh, wenn auch mit mäßigem Erfolg. Dem Schotten Jon S. Baird ist es geglückt: Er verfilmte den Roman „Drecksau“ (im Original „Filth“, also Dreck) aus dem Jahr 1998 – als fiebrige, rotzige Tragikomödie mit einem überzeugenden James McAvoy („Abbitte“) in der Hauptrolle.

Auf Sauftour in Hamburg: Bladesey (Eddie Marsan, links) und sein vermeintlicher Kumpel Bruce (James McAvoy).

 

Der Edinburgher Polizist Bruce Robertson (James McAvoy) ist sie also … die Drecksau. Ein widerlicher Typ durch und durch: korrupt, drogenabhängig, sexsüchtig. Er hasst seinen Job, aber die ersehnte Beförderung will er um jeden Preis. Denn dann könnte er wieder glücklich werden, mit seiner Frau und seiner Tochter. Aber dafür muss er seine konkurrierenden Kollegen, darunter den etwas naiven Ray Lennox (Jamie Bell aus „Billy Elliot – I will dance“) ausbooten. Seine Strategie: sie gegeneinander aufzuhetzen.

Auch mit Bunty (Shirley Henderson), der Frau seines Kollegen, spielt Robertson (James McAvoy) ein übles Spiel.

 

Dumm nur, dass Robertson nun auch noch den Mord an einem Asiaten aufklären muss. Dabei hasst er Ausländer und Frauen und die Menschen sowieso. Dieser Robertson ist ein armes Schwein im Grunde seines Herzens, und seine manisch-depressiven Zustände machen ihm zusätzlich das Leben schwer. Sein hämischer, durchgeknallter Psychiater Dr. Rossi (Jim Broadbent) ist da auch keine Hilfe.

Trügerische Verheißung: Richardsons Frau Carole (Shauna Macdonald).

 

Was Regisseur Jon S. Baird, von dem auch das Drehbuch stammt, hier in gut 90 Minuten inszeniert, ist die wüste Tour de Force eines schottischen Bad Lieutenants. Es ist der rauschhafte Selbstzerstörungstrip eines zutiefst einsamen, verletzten und neurotischen Menschen – Malcolm McDowell aus Kubricks „Uhrwerk Orange“ lässt grüßen. James McAvoy, der im Kino sonst eher mit gutem Aussehen und vornehmer Zurückhaltung glänzt, spielt diesen modernen Schmerzensmann mit rückhaltslosem Enthusiasmus, vielleicht war McAvoy noch nie so gut wie in dieser Rolle. Mit coolen Bildern, schwarzem Humor und konsequenter Doppelbödigkeit zwischen Wahnvorstellungen und Realität hat Regisseur Baird, der mit diesem Film sein deutsches Kinodebüt gibt, Welshs Roman für die Leinwand adaptiert – untermalt mit einem gut gelaunten, poppigen Soundtrack, auf dem selbst Nenas „99 Luftballons“ nicht fehlen.

Drecksau

 

Den Bandwurm, der im Buch eine weit größere Rolle spielt, sowie die traumatische Vergangenheit des Anti-Helden Bruce Robertson hat Regisseur Baird mehr oder weniger vernachlässigt. Dafür hat Robertsons Exfrau Carole (Shauna Macdonald) eine größere Rolle inne: Mit ihr, gekleidet in sexy Dessous, eröffnet der Film. Sie ist die verheißungsvolle Belohnung, sollte Richardson tatsächlich befördert werden. Oder ist am Ende doch alles Illusion? So ist „Drecksau“ ein klischeehaft unterhaltsamer und vor allem tragischer Thriller, dem es allerdings dann doch nicht gelingt, den Betrachter auf Dauer in Atem zu halten.

Text: Heidi Reutter / Fotos: 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Filth
Genre: Komödie
Freigabealter: 16
Verleih: Ascot Elite
Laufzeit: 97 Min.