Sommer-Screwball aus München

Er ist Regisseur und Dichter, sie ist Aktivistin für allerlei Umwelt-Schutzorganisationen. Beide sind um die 30 und, klar, sie gehören zusammen. Gleich zu Beginn des Debütfilms „Drei Stunden“ von Boris Kunz liefern sich die Großstadtsingles Martin und Isabel einen wunderbaren Geschlechterkampf. Sie will ihn zu einer Unterschrift gegen die genetische Verunreinigung von Saatgut zwingen, er verbietet ihr als Gelegenheitskellner, ihren Stand im Straßenbereich seines Lokals aufzustellen. Für kurze Zeit entspinnt sich eine Dialogkomödie vom Feinsten. Ein Wort gibt das andere – da entwickelt sich was. Doch bis zum Happy-End vergehen 100 Minuten, die nicht immer auf dieser Höhe bleiben. Trotzdem ?

Szene mit Nicholas Reinke.
Trotzdem ist „Drei Stunden“ mit Claudia Eisinger und Nicholas Reinke eine Sommerkomödie, die sich sehen lassen kann. Die Protagonisten spielen sich gute eineinhalb Stunden lang (fast) um Kopf und Kragen. Ihre Skrupel gegenüber der Liebe und der Zusammengehörigkeit fürs Leben machen sie zu einem durchaus spannenden Balanceakt, dem der Zufall immer dann weiterhilft, wenn mal Sand ins Getriebe kommt.

Sie kennen sich seit Jahren, sie suchen sich und finden sich doch nicht. Eigentlich müsste die Sexpsychologin Ruth Westheimer jetzt mal als Tip-Geberin auf den Plan treten – dann würde es sicher ganz schnell klappen. So aber ist’s nur der liebe Gott, den hier Dietrich Hollinderbäumer mit Bierflasche in der Hand und im weißen Anzug ganz besonders lässig mimt. Ein bisschen zu lieb und ein bisschen zu vorwurfsvoll, geht er dem Zuschauer ungefähr genau so stark auf die Nerven wie Martin, dem dichtenden und Theater inszenierenden Helden.

Eine letzte Chance verdankt der dem Herrn in Weiß dann aber doch. Denn der dreht einfach mal die Zeit zurück, indem er Isabel davon abhält, zum geplanten Zeitpunkt, nämlich jetzt, für drei Jahre nach Mali zu reisen, um eine dortige Hungersnot zu verhindern. Der Zoll bereitet plötzlich Schwierigkeiten, der Flug wird um 24 Stunden verschoben. Genug Zeit zur Korrektur eines liebenswert verschlampten Verhältnisses – immerhin hatte Martin Isabel kurz vor dem gecancelten Abflug noch schnell seine Liebe gestanden.

Szene mit Claudia Eisinger und Nicholas Reinke.
Doch so einfach ist das alles trotzdem nicht, weil Isabel Martin partout nicht finden kann – er hat sein Handy verloren, und einen flugs unter die Türe geschobenen Zettel übersieht er obendrein. Zudem: Kann es sein, dass ihm die Premiere seines romantisch-poetischen Theaterstücks, in dem es um Weltpiraten und fliegende Prinzessinnen geht, doch viel wichtiger als seine Isabel ist?

Am Ende regnet es jedenfalls auf der Bühne rote Rosen – zweifellos als Parallele zum verträumten Honeymoon-Finale gedacht, das eine bunte Blumenkinder-Hochzeitsgemeinde auf der Isarbrücke der Liebenden (der mit den Schlössern) feiert. Da ist dem 1979 in Weiden geborenen HFF-München-Absolventen Boris Kunz ein bisschen zu viel Hollywood-Romantik aus der Autorenfeder geflossen, was dem sonst so flotten Timing schadet. Aber sonst hat er dank seiner wunderbaren Protagonisten schon einen Sommerfilm vom Feinsten abgeliefert – vorausgesetzt, dass man das Tempo-Gehabe mit den fürs Zueinander-Finden angeblich verbleibenden drei Titel-Stunden einfach mal vergisst. Rennen wie einst Tom Tykwes Lola wird der mit Rückblenden und Parallelszenen hantierende Film wohl nicht, aber seine Chance beim jungen Publikum sollte er schon haben.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Kaissar Film / NFP
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: NFP/Filmwelt
Laufzeit: 101 Min.