Ein subtiles Psychodram aus der Nazizeit

Es gibt Geschichten, die man eigentlich nicht mehr neu erzählen kann, so oft wurden sie schon aufgegriffen: zum Beispiel die des jüdischen Flüchtlings, den Bauern vor Nazis verstecken. Aber man kann solche Geschichten so erzählen, als wären sie neu. Franziska Schlotter ist das mit ihrem Debütfilm „Ende der Schonzeit“ gelungen. Sie setzt – ja, während des Dritten Reichs – drei Personen einer modellhaften Zerreißprobe aus. Weil die Kamera unaufdringlich immer wieder poetische Bilder generiert, aber auch die Schauspieler innere Spannung zu erzeugen verstehen, gelingt es dabei, Klischees zu umgehen.


Der Film beginnt mit einem Bus auf staubiger Straße, dem schließlich ein junger Mann entsteigt. Es ist 1970, der Mann sucht in einem israelischen Kibbuz nach seinem Vater, er trägt einen Brief der Mutter bei sich.

Der Anlass der Reise nach Israel wird dann in einer großen Rückblende erzählt: 1942 will ein jüdischer Flüchtling über den Rhein in die Schweiz fliehen. In letzter Sekunde kann er einer Grenzpatrouille entkommen, wird aber von einem Wilderer (Hans-Jochen Wagner) entdeckt. Der, ein Schwarzwaldbauer, nimmt den Juden Albert (Christian Friedel) mit zu sich auf den Hof, versteckt ihn dort und beschäftigt ihn als Knecht. Bald hat er aber auch anderes mit dem Fremden im Sinn: Er soll mit Emma, seiner Frau, endlich den ersehnten Nachkommen zeugen. Er selbst ist dazu nicht in der Lage.


Gar nicht spekulativ oder voyeuristisch tastet sich die Inszenierung an den Geschlechtsakt heran: Wie die von Brigitte Hobmeier gespielte Bäuerin zunächst die „Pflicht“ über sich ergehen lässt, während der Bauer draußen vor der Türe den Hofhund streichelt. Wie dann, bei der Wiederholung, erste Gefühle aufkommen, die beim nächsten Mal weiter wachsen. Aus einem Ritual in frommen Diensten – über dem Bett der Schlafstube hängt denn auch ein Marienbild – wird Leidenschaft, die zu Versteckspiel und Lüge führt.

Es ist eine Dreiecksgeschichte von Liebe und Betrug, die der Film in erstaunlich archaischen Bildern und mit hervorragenden Darstellern erzählt. Im Halbdunkel der Innenräume, angesichts des Madonnengesichts von Brigitte Hobmeier, vergisst man die modellhafte Konstellation. In ihrem Kern könnte diese Dreiecksgeschichte auch in der Enge der 50er-Jahre oder danach noch spielen. Mit der Verlegung in die Nazizeit macht man es sich etwas zu leicht. Das sehr sorgfältig inszeniertes Psychodram wird dadurch zum historischen Exempel.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Farbfilm Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Farbfilm
Laufzeit: 103 Min.